EINLEITUNG


VORBEREITENDE BESINNUNG AUF DEN NAMEN UND DAS WORT ΑΛΗΘΕΙΑ UND SEIN GEGENWESEN. ZWEI WEISUNGEN DES UBERSETZENDEN WORTES ΑΛΗΘΕΙΑ



§ 1. Die Göttin »Wahrheit«. Parmenides, I, 22—32


a) Das gewöhnliche Sichauskennen und das wesentliche Wissen. Die Absage an das Geläufige des »Lehrgedichtes« durch das Aufmerken auf den Anspruch des Anfangs


Παρμενίδης και Ηράκλειτος, Parmenides und Heraklit, Zeitgenossen in den Jahrzehnten zwischen 540/460, heißen die beiden Denker, die in einer einzigen Zusammengehörigkeit am Beginn des abendländischen Denkens das Wahre denken. Das Wahre denken heißt: das Wahre in seinem Wesen erfahren und in solcher Wesenserfahrung die Wahrheit des Wahren wissen.

Nach der Zeitrechnung sind seit dem Beginn des abendländischen Denkens zweitausend und fünfhundert Jahre vergangen. Was im Denken der beiden Denker gedacht ist, wird vom Vergehen der Jahre und Jahrhunderte niemals berührt. Diese Unberührbarkeit durch die zehrende Zeit gilt aber keineswegs deshalb, weil das Gedachte, das diese Denker denken mußten, seitdem irgendwo an sich an einem überzeitlichen Ort aufbewahrt wird als das sogenannte »Ewige«. Vielmehr ist das Gedachte dieses Denkens gerade das eigentlich Geschichtliche, was aller nachfolgenden Geschichte vorauf- und d. h. vorausgeht. Das also Voraufgehende und alle Geschichte Bestimmende nennen wir das Anfängliche. Weil es nicht in einer Vergangenheit zurück-, sondern dem Kommenden vorausliegt,


Martin Heidegger (GA 54) Parmenides

Parmenides p. 1

GA 54