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§ 1. Die Göttin »Wahrheit«

des Übersetzens. Die Weisung führt, wenn wir uns auf ihre Hauptzüge beschränken, in ein Vierfaches.

Einmal sind wir bei dem Wort »Un-verborgenheit« auf dergleichen wie »Verborgenheit« gewiesen. Was da bei der »Unverborgenheit« zuvor verborgen ist, wer verbirgt und wie das Verbergen geschieht, wann und wo und für wen Verborgenheit ist, all das bleibt unbestimmt. Nicht nur jetzt und für uns, die wir die ἀλήθεια nach der Übersetzung am Leitband des Wortes »Unverborgenheit« nachzudenken versuchen; unbestimmt und sogar ungefragt bleibt das über die Verborgenheit Angedeutete auch und gerade bei den Griechen. Sie erfahren eigens und nennen im Wort nur die Unverborgenheit. Gleichwohl gibt uns jetzt die Weisung in die Verborgenheit und in das Verbergen einen deutlicheren Erfahrungsbereich. In irgendeiner Weise kennen wir doch dergleichen wie Verbergen und Verborgenheit. Wir kennen solches als Verhüllung, Verschleierung, als Verdeckung, aber auch in den Formen der Aufbewahrung, Behütung, des Zurückhaltens, des Anvertrauens und der Übereignung. Wir kennen die Verbergung in den mannigfaltigen Gestalten der Verschließung und Verschlossenheit. Von diesen Weisen der Verborgenheit und Verbergung her gewinnt die »Unverborgenheit« alsbald deutlichere Züge. Der Bereich des »Verborgen-Unverborgen« ist uns sogar, wenn wir uns nichts vormachen, unmittelbar vertrauter und zugänglicher als das, was uns die sonst geläufigen Titel veritas und »Wahrheit« sagen. Streng genommen können wir uns bei diesem Wort »Wahrheit« nichts denken und noch weniger etwas »anschaulich« vorstellen. Wir müssen vielmehr sogleich eine irgendwoher entlehnte »Definition« der Wahrheit zu Hilfe rufen, um dem Wort eine Bedeutung zu geben. Es bedarf erst einer besonderen Überlegung, um uns in den Bedeutungsbereich des Wortes »Wahrheit« hineinzufinden. »Unverborgenheit« dagegen spricht uns sogleich anders an, wenn wir auch hier zunächst unsicher nach dem eigentlich Gemeinten tasten.


Martin Heidegger (GA 54) Parmenides

GA 54