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§ 3. Klärung des Wandels der ἀλήθεια

die ὁμοίωσις, d. h. das übereinkommende Entspreeben, als die Vollzugsweise des άληθεύειν gleichsam die maßgebende »Repräsentation« der ἀλήθεια. Diese ist als Nicht-Verstellen des Seienden die Angleichung des entbergenden Sagens an das sich zeigende, entborgene Seiende, ist ὁμοίωσις. Die ἀλήθεια stellt sich fortan nur noch in dieser Wesensgestalt dar und wird auch nur so genommen.

Die aus anderem Ursprung stammende veritas als rectitudo ist nun aber wie geschaffen, das Wesen der ἀλήθεια in der fortan »repräsentativen« Gestalt der ὁμοίωσις in sich aufzunehmen. Die Richtigkeit der Aussage ist ein Sichrichten nach dem Errichteten, Feststehenden, Rechten. Die griechische ὁμοίωσις als entbergende Entsprechung und die römische rectitudo als Sichrichten nach . . . haben beide den Charakter der Angleichung der Aussage und des Denkens an den vorliegenden und feststehenden Sachverhalt. Angleichung heißt adaequatio. Seit dem frühen Mittelalter ist auf dem Wege über das Römische die als ὁμοίωσις präsentierte ἀλήθεια zur adaequatio geworden. Veritas est adaequatio intellectus ad rem. Im Sinne dieser Umgrenzung des Wesens der Wahrheit als Richtigkeit denkt das gesamte abendländische Denken von Platon bis zu Nietzsche. Diese Umgrenzung des Wesens der Wahrheit ist der Wahrheitsbegriff der Metaphysik, genauer, diese hat ihr Wesen aus dem so bestimmten Wesen der Wahrheit. Aber dadurch, daß die griechische ὁμοίωσις zur rectitudo wird, verschwindet der für Platon und Aristoteles noch in der ὁμοίωσις wesende Bereich der ἀλήθεια, der Entbergung. Auch in der rectitudo, im »Sichrichten nach ...« liegt das, was die Griechen οϊεσθαι nennen, etwas für etwas halten und es also nehmen. Doch während griechisch das »etwas für etwas halten« noch im Wesensbereich des Entbergens und der Unverborgenheit erfahren wird, bleibt das römisch gedachte »etwas für etwas halten« ohne diesen Wesensbereich. »Etwas für etwas halten« heißt römisch reor — das entsprechende Hauptwort lautet ratio. Wir können in der Abwandlung des römischen


Martin Heidegger (GA 54) Parmenides

GA 54