griechischen Tragödie noch ganz verschlossen ist. Aischylos — Sophokles auf der einen und Shakespeare auf der anderen Seite sind unvergleichbare Welten. Der deutsche Humanismus hat dieses Unvergleichbare ineinandergemischt und das Griechentum vollends unzugänglich gemacht. Goethe ist ein Verhängnis.
In Hesiods Theogonie wird über die λήθη nur dies gesagt, daß sie mit dem λιμός zusammen von der Eris geboren worden. "Ερις selbst ist die Tochter der Νύξ, die heißt όλοή, ein Beiname, der oft bei Homer und Hesiod der Μοίρα gehört. Man übersetzt »verderblich«. Das ist wiederum »richtig« und gleichwohl ungriechisch. Man versteht nicht, weshalb die Nacht »verderblich« sein soll. Verderben ist Zerstören, Vernichten, d. h. des Seins berauben, d. h. griechisch, die Anwesenheit wegnehmen. Die Nacht ist όλοή, weil sie alles Anwesende verschwinden läßt: durch eine Verbergung. Inwiefern die Μοίρα όλοή heißt, wird zu erläutern sein, wenn wir im Spruch des Parmenides das Wort von der Μοίρα κακή, »der Schickung, der argen«, zu bedenken haben. Was Hesiod über die λήθη sagt, ist für den Griechen im Wesen genug, für uns Spätlinge aber zu wenig, um deutlicher dem Wesen der λήθη nachzudenken und einen Wesensbezugzurἀλήθειαzu erkennen. Zwar begegnen wir der λήθη zumal bei den Dichtern öfters, aber sie ist gleichwohl nicht so entschieden genannt wie die ἀλήθεια bei den Denkern. Vielleicht entspricht es dem Wesen der λήθη eher, daß sie verschwiegen wird. Wir bedenken zu selten, daß dieselben Griechen, denen das Wort und das Sagen in anfänglicher Weise geschenkt worden, eben deshalb auch in einer einzigen Weise schweigen konnten. Denn »Schweigen« ist nicht das bloße Nicht-sagen. Derjenige, der nichts Wesentliches zu sagen hat, kann auch nicht schweigen. Nur im wesentlichen Sagen und durch dieses allein waltet das wesentliche Schweigen, das mit Verheimlichen und Verstecken und »Verklausulieren« nichts gemein hat. Die griechischen Denker und Dichter schweigen weithin über die λήθη. Aber vielleicht ist es doch
Parmenides p. 73