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§ 5. Der Gegensatz zum ἀληθές. das λαθόν, λαθές

Wären wir beim Vergessen dabei, dann müßten und könnten wir das Vergessene immer noch behalten, dann wäre überhaupt nie Vergessen. Zuvor muß die Vergessung uns selbst aus unserem eigenen Wesensbereich hinausgestoßen haben, damit wir uns nicht mehr bei dem aufhalten können, was in die Vergessenheit hinausfallen soll. Erst durch das deutende Wort άτέκμαρτα, »zeichenlos« im Sinne von »sich nicht zeigend«, »sich selbst verbergend«, ist das Wesen der verhüllenden Verbergung der Vergessenheit getroffen. Gleichwohl haben wir auch jetzt noch nicht das griechisch erfahrene Wesen des »Zeichenlosen« und damit der Vergessung als Verbergung ausgeschöpft.

Τέκμαρ ist das Zeichen, das Zeigende, das, indem es sich zeigt, zugleich zeigt, wie es mit dem Seienden steht, wobei das menschliche Verhalten anlangt und anlangen muß. Das deutsche »Wahrzeichen« wäre angemessen, gesetzt, daß wir das »Wahre« im griechischen Sinne dächten. Das also Zeigende und das Unverborgene, Weisende kann in der Folge dann auch »Ziel« bedeuten. Aber das Wesen des »Zieles« ist für die Griechen die Begrenzung und Eingrenzung der Richtung und der Reichweite des Verhaltens. Modern gedacht, ist ein »Ziel« nur der Vorbehalt einer »Zwischenstation« innerhalb des Grenzenlosen der zu steigernden Erfolge und Geschäfte. Die Grenze (πέρας), griechisch gedacht, ist aber nicht das, wobei etwas aufhört, sondern das, worein es entsteht, indem es darinnensteht als demjenigen, was das Entstandene so und so »gestaltet«, d. h. in einer Gestalt stehen und das Ständige anwesen läßt. Wo das Eingrenzende fehlt, kann etwas in dem, was es ist, nicht anwesen. Άτέκμαρτα νέφος, die zeichenlose, d. h. zugleich die ihre eigene Anwesenheit vorenthaltende Wolke, ist die sich nicht zeigende, abwesende Verbergung. Wir ahnen jetzt einiges vom Wesen der »Vergessenheit«. Es mag daher gut sein, die Hauptmomente noch einmal besonders zu betonen.

Das Vergessen ist als eine Art von Verbergung ein Ereignis, das über das Seiende und den Menschen in seinem Verhältnis


Martin Heidegger (GA 54) Parmenides

Parmenides p. 82

GA 54