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Der seinsgeschichtliche Bereich von ἀλήθεια und λήθη

zusammenfällt, ist kein Zufall. Die Wortzeichen werden zu Buchstaben, der Zug der Schrift verschwindet. Die Buchstaben werden »gesetzt«, das Gesetzte wird »gepreßt«. Dieser Mechanismus des Setzens und Pressens und »Druckens« ist die Vorform der Schreibmaschine. In der Schreib-maschine liegt der Einbruch des Mechanismus in den Bereich des Wortes. Die Schreibmaschine führt wiederum zur Setzmaschine. Die Presse wird zur Rotationspresse. In der Rotation kommt der Triumph der Maschine zum Vorschein. Doch zunächst bringt der Buchdruck und dann die Maschinenschrift Vor-teile und Erleichterungen, und beide lenken dann unversehens die Ansprüche und Bedürfnisse auf diese Art der schriftlichen Mitteilung. Die Schreib-maschine verhüllt das Wesen des Schreibens und der Schrift. Sie entzieht dem Menschen den Wesensrang der Hand, ohne daß der Mensch diesen Entzug gebührend erfährt und erkennt, daß sich hier bereits ein Wandel des Bezugs des Seins zum Wesen des Menschen ereignet hat.

Die Schreibmaschine ist eine zeichenlose Wolke, d. h. eine bei aller Aufdringlichkeit sich entziehende Verbergung, durch die der Bezug des Seins zum Menschen sich wandelt. Zeichenlos, sich nicht zeigend in ihrem Wesen, ist sie in der Tat; daher haben auch die meisten von Ihnen, wie die gut gemeinte »Reaktion« bewies, gar nicht gemerkt, was »gesagt« werden sollte.

Freilich ist das Gesagte kein Vortrag über die Schreibmaschine, bei dem man hier mit Recht fragen könnte, was die Schreibmaschine in aller Welt denn mit Parmenides zu tun habe. Genannt werden sollte der mit der Schreibmaschine gewandelte neuzeitliche Bezug der Hand zur Schrift, d. h. zum Wort, d. h. zur Unverborgenheit des Seins. Die Besinnung auf die Unverborgenheit und das Sein hat freilich alles, nicht nur einiges, mit dem Lehrgedicht des Parmenides zu tun. In der »Schreibmaschine« erscheint die Maschine, d. h. die Technik, in einem fast alltäglichen und daher unbemerkten und daher zeichenlosen Bezug zur Schrift, d. h. zum Wort, d. h. zur


Martin Heidegger (GA 54) Parmenides

GA 54

Parmenides pp. 85-86