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Der seinsgeschichtliche Bereich von ἀλήθεια und λήθη

selbst zeigende Blicken, nicbts Menschliches ist, sondern zum Wesen des Seins selbst als dem Erscheinen in das Unverborgene gehört.)

Also nur wenn wir schon denken oder wenigstens zu erfahren suchen, daß das »Wesen« und Sein im Griechentum den Grundzug des Sichentbergens hat, wenn wir die ἀλήθεια denken, sind wir imstande, das θεάω, den Blick, als die Grundweise des sich zeigenden, im Geheuren sich darbietenden Erscheinens und Wesens zu denken. Nur wenn wir diese einfachen Wesensverhalte erfahren, begreifen wir das sonst überhaupt Unbegreifliche, daß noch gegen das Ende des Griechentums, nämlich bei Platon, das Sein gedacht wurde aus dem »Anblick« und »Aussehen«, in dem etwas sich dargibt, aus dem »Gesicht«, das jeweils »ein Ding« oder überhaupt ein Seiendes »macht«. Die »Gesichter«, die die Dinge machen, ihr »Aussehen« heißt εἶδος oder ιδέα. Das Sein — ιδέα — ist das in allem Seienden sich Zeigende und aus ihm Hervorblickende, weshalb eben Seiendes überhaupt als ein Seiendes durch den Menschen erfaßt werden kann. Das in alles Geheure Hereinblickende, das Un-geheure als das im vorhinein sich Zeigende, ist das ursprünglich Blickende im ausgezeichneten Sinne: τὸ θεᾶον, d. h. τὸ θεῖον; man übersetzt, ohne griechisch zu denken, aber »richtig« »das Göttliche«. Oi θεοί, die sogenannten Götter, die in das Geheure Hereinblickenden und im Geheuren überall Blickenden, sind οί δαίμονες, die Weisenden und Winkenden.

Weil der Gott als der Gott der Blickende ist und als der Wesende blickt, θεάων, ist er der im Blicken sich Unverborgenheit dargebende δαίων — δαίμων. Der blickend sich also Dargebende ist der Gott, weil der Grund des Un-geheuren, das Sein selbst, das Wesen des sich entbergenden Erscheinens hat. Aber das Un-geheure erscheint im Geheuren und als dieses. Der Blickende erscheint im Anblick und »Aussehen« des Geheuren, des Seienden. Das innerhalb des Geheuren durch seinen Blick Gegenwartende ist der Mensch. Deshalb muß innerhalb des Geheuren im Wesensbezirk dieses menschlichen


Martin Heidegger (GA 54) Parmenides

GA 54