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Die vierte Weisung der ἀλήθεια

Seiendes geht fort und über zu Seiendem. Nur dieser Fortgang »ist«, aber er »ist« nur bei Vergessung des »ist« selbst und seines Wesens. Dieser unbeschränkte Fortgang des Nacheinander und Ineinander von Seiendem gilt als »das Sein«. Dieser unbeschränkte Fortgang von Seiendem zu Seiendem verweist dann auf »das Offene« in dem Sinne, wie wir vom »offenen Meer« dann sprechen, wenn die hohe See erreicht ist, in der alle Grenzen des Landes verschwunden sind.

In dieser Bedeutung versteht Rilke in der achten Duineser Elegie »das Offene«. Das »Offene« ist für ihn der vom Seienden selbst und von ihm allein beschrittene ständige Fortgang von Seiendem zu Seiendem innerhalb des Seienden. Dieses Offene als der unbeschränkte Fortgang im Seienden bleibt in dieses gebannt und an den Boden gekettet. Dieses Offene des ungehemmten Fortgangs des Seienden gelangt nie in das Freie des Seins, welches Freie gerade die »Kreatur« niemals sieht, das erblicken zu können die Wesensauszeichnung des Menschen und ihr zufolge die unübersteigbare Wesensgrenze zwischen Tier und Mensch ausmacht. »Das Offene« im Sinne des unaufhörlichen Fortgangs des Seienden im Seienden und »das Offene« als das Freie der Lichtung des von allem Seienden sich unterscheidenden Seins sind im Wortlaut dasselbe, in dem aber, was die Worte nennen, so verschieden, daß keine Gegensatzformel ausreicht, um die Kluft dieser Verschiedenheit anzudeuten; denn Gegensätze, und selbst die äußersten, verlangen noch die Selbigkeit des Bereichs, in dem sie gegeneinander gesetzt sind. Gerade dieser fehlt hier. Aus der dem Biologismus des 19. Jahrhunderts und der Psychoanalyse zugrundeliegenden Metaphysik der völligen Seinsvergessenheit entspringt dann jene Verkennung aller Seinsgesetze, deren letzte Folge eine ungeheuerliche Vermenschung »der Kreatur«, und d. h. hier des Tieres, und eine entsprechende Vertierung des Menschen ist. Das hier Gesagte ist eine aus der Grundstellung des Denkens vollzogene Aussage über den metaphysischen Grund eines Dichtens.


Martin Heidegger (GA 54) Parmenides page 226