VORBETRACHTUNG



Die Philosophie als das eigentliche Denken des Zu-denkenden.
Vom Anfang des ›abendländischen‹ Denkens


Die Vorlesung handelt vom Anfang des abendländischen Denkens. Das Wort ›Denken‹ meint hier das Denken der Denker. Von alters her nennt man dieses Denken ›Philosophie‹. Das philosophische Denken ist wohl das eigentliche Denken, und zwar deshalb, weil in ihm dasjenige gedacht wird, was seinem Wesen nach das Zu-denkende ist, indem es für sich das Denken in den Anspruch nimmt. Das denkerische Denken ist das wesentliche Denken. Der alte Name ›Philosophie‹ stammt aus dem Umkreis des Anfangs des abendländischen Denkens. Griechisch gedacht bedeutet er φιλία τοῦ σοφοῦ: die Freundschaft für das Zu-denkende.

Wenn aber schon die Freundschaft zwischen Menschen nicht geplant und nicht gemacht werden kann, dann ist vollends und allem zuvor die Freundschaft für das Zu-denkende kein Gemächte der Denker, sondern das Geschenk dessen, was im wesentlichen Denken und für dieses das Zu-denkende ist.

Der Titel der Vorlesung spricht vom abendländischen Denken. Der Ausdruck ›abendländische Philosophie‹ wird vermieden; denn diese Bezeichnung ist streng gedacht ein überladener Ausdruck. Es gibt keine andere Philosophie als die abendländische. Die ›Philosophie‹ ist in ihrem Wesen so ursprünglich abendländisch, daß sie den Grund der Geschichte des Abendlandes trägt. Aus diesem Grunde allein ist die Technik erwachsen. Es gibt nur eine abendländische Technik. Sie ist die Folge der ›Philosophie‹ und nichts außerdem.

Statt des mit Bedacht gesetzten Titels der Vorlesung »Der Anfang des abendländischen Denkens« möchte man auch sagen:


Martin Heidegger (GA 55) Heraklit

Heraclitus p. 3