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Der Anfang des abendländischen Denkens

Wir beachten hier zunächst zwei ›Geschichten‹ über Heraklit. Ob das darin Erzählte sich zugetragen hat, ist nicht nachzuweisen. Daß aber diese ›Geschichten‹ aufbewahrt sind, bezeugt uns etwas über das Wort, das dieser Denker gesprochen. Wir verstehen die ›Geschichten‹ freilich erst aus dem, was Heraklit selbst gedacht und gesagt hat. Gleichwohl können sie wiederum dazu dienen, uns gleichsam von außen her für dieses Wort achtsam zu machen. Die ›Geschichten‹ sollen nicht die fehlende ›Biographie‹ ersetzen, um so schließlich doch noch die Darstellung des sogenannten ›Werkes‹ ›biographisch‹ einzuleiten, sondern die ›Geschichten‹ sollen uns anleiten, das ›Biographische‹ und die ›historische Persönlichkeit‹ als das Unwesentliche zu erkennen. Die ›Geschichten‹ lassen uns aufmerken auf den Bereich, aus dem Heraklits Wort gesagt ist.


a) Das Denken Heraklits im Umkreis von Feuer und Streit und in der Nähe zum Spiel


Die eine ›Geschichte‹ lautet:

Ἡράκλειτος λέγεται πρὸς τοὺς ξένους εἰπεῖν τοὺς βουλομένους ἐντυχεῖν αὐτῶι, οἳ ἐπειδὴ προσιόντες εἶδον αὐτὸν θερόμενον πρὸς τῶι ἰπνῶι ἔστησαν, ἐκέλευε γὰρ αὐτοὺς εἰσιέναι θαρροῦντας · εἶναι γὰρ καὶ ἐνταῦθα θεούς ... 2

» Von Heraklit erzählt man (ein Wort), das er zu den Fremden gesagt habe, die zu ihm vorgelangen wollten. Herzukommend sahen sie ihn, wie er sich in einem Backofen wärmte. Da blieben sie stehen (überrascht und dies vor allem deshalb), weil er nämlich ihnen (den Zaudernden auch noch) Mut zusprach und sie hereinkommen hieß mit dem Wort: ›Auch hier nämlich sind anwesend Götter‹.«

Die Menge ist in ihrer neugierigen Zudringlichkeit zum Denker und zu seinem Aufenthalt enttäuscht und ratlos. Sie glaubt, den Denker in Verhältnissen antreffen zu dürfen, die


2 Aristoteles, de part. animo A5. 645 a 17 sqq.


Martin Heidegger (GA 55) Heraklit

Heraclitus pp. 7-8