7
§ 1. Zwei Geschichten über Heraklit

gegen das sonstige Dahinleben der Menschen überall die Züge der Ausnahme und des Seltenen und daher Aufregenden tragen. Die Menge hofft, durch ihren Besuch bei dem Denker Sachen zu finden, die – für eine gewisse Zeit wenigstens – den Stoff lieferten zu einem unterhaltenden Gerede. Die, die den Denker besuchen wollen, hoffen, ihn vielleicht gerade in dem Augenblick zu sehen, da er in den Tiefsinn versunken ›denkt‹, nicht etwa, um von dem Denken betroffen zu werden, sondern lediglich deshalb, damit man sagen kann, einen gesehen und gehört zu haben, von dem man wiederum nur sagt, daß er ein Denker sei.

Statt dessen finden die Neugierigen den Denker in einem Backofen. Das ist ein recht alltäglicher und geringfügiger Ort. Allerdings wird hier das Brot gebacken. Aber Heraklit ist ja im Backofen nicht einmal mit dem Backen beschäftigt, sondern er hält sich hier nur auf, um sich zu wärmen. So verrät er auch noch an diesem alltäglichen Ort die ganze Dürftigkeit seines Lebens. Der Anblick eines frierenden Denkers bietet wenig ›Interessantes‹. Die Neugierigen haben denn auch bei diesem enttäuschenden Anblick sogleich die Lust verloren, noch näher zu kommen. Was sollen sie hier? Diese alltägliche und reizlose Bedürftigkeit, daß einer friert und am Ofen steht, kann jedermann jederzeit bei sich zu Hause finden. Wozu sollen sie also einen Denker aufsuchen? Heraklit Hest die enttäuschte Neugier in den Gesichtern. Er erkennt, daß bei der Menge schon das Ausbleiben einer erwarteten Sensation hinreicht, um die Angekommenen zur Umkehr zu drängen. Deshalb spricht er ihnen Mut zu und fordert sie eigens auf, doch einzutreten, mit den Worten: εἶναι γὰρ καὶ ἐνταῦθα θεούς ... »auch hier nämlich sind anwesend Götter«.

Dieses Wort stellt den Aufenthaltsort des Denkers und seine Beschäftigung in ein anderes Licht. Ob die Besucher sogleich und ob sie überhaupt dies Wort verstanden und alles in diesem anderen Licht anders gesehen haben, sagt diese Geschichte nicht. Aber daß diese Geschichte erzählt worden und noch uns


Martin Heidegger (GA 55) Heraklit