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§ 1. Zwei Geschichten über Heraklit

an den griechischen Göttergestalten uns ergötzen oder sie mythologisch-historisch gelehrt nur erklären, gilt gleichviel. In beiden Fällen sind sie dann nur Objekte unseres ›Erlebens‹, das im einen Falle bewegter und empfindsamer, im anderen Falle steifer und langweiliger ausfällt. Die ganz andere Frage jedoch ist, ob das verborgene Wesen der Geschichte, in die wir gehören, aus einer wesentlichen Not zu einer Zwiesprache mit dem genötigt ist, was den Griechen ihre θεοί gewesen. Die eigentliche Antwort auf die Fragen ›Wer ist Artemis?‹ und ›Wer ist Zeus?‹ verbirgt sich noch in unserer kommenden Geschichte, sofern nur diese selbst dem Gewesenen entgegnet.

Die hier und im folgenden stellenweise auftauchenden Bemerkungen über die ›Götter‹ der Griechen bleiben überall vorsichtige Hinweise und Aushilfen, die nicht weit tragen. Die Kenntnis dieser Bemerkungen darf nie zur Meinung verleiten, mit der Beherrschung der mythologischen Aussagen und der poetischen Ausmalung derselben sei auch schon ein Wissen von den Göttern erlangt dergestalt, daß dieses Wissen den Bezug zu den Göttern erfüllt, in dem sie sich den Menschen gewähren. Der Bezug der Griechen zu den Göttern ist überdies ein Wissen und nicht ein ›Glauben‹ im Sinne eines willentlichen Fürwahrhaltens aufgrund autoritativer Verkündigung. Wir ermessen es noch nicht, in welch anfänglicher Weise die Griechen die Wissenden gewesen. Weil sie es gewesen, deshalb fanden sie den Anfang des eigentlichen Denkens. Nicht etwa waren sie Wissende, weil sie eine Philosophie besaßen.

Wer ist nun aber die Göttin des Heraklit? Wer ist Artemis? Artemis ist die Schwester Apollons, beide wurden auf der Insel Delos geboren. Die letzte Strophe des Gedichtes »Gesang des Deutschen «6, worin Hölderlin das Wesen der Deutschen gedichtet hat, beginnt mit der Frage, die der Dichter an die Muse, d. h. an den ›Engel‹ des Vaterlandes des Deutschen, stellt. Die Frage fragt zuletzt nach der Insel Delos, dem Geburtsort


6 Hölderlin, WW (Hellingrath) Bd. IV, S. 129-151.


Martin Heidegger (GA 55) Heraklit