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Der Anfang des abendländischen Denkens

des Apollon und der Artemis. Die Schluß strophe des Gedichtes lautet:


Wo ist dein Delos, wo dein Olympia,

Daß wir uns alle fInden am höchsten Fest?

Doch wie erräth der Sohn, was du den

Deinen, Unsterbliche, längst bereitest?


Artemis, die Schwester, mit dem Bruder aus Delos stammend, trägt dieselben Zeichen wie der Bruder Apollon: Leier und Bogen, die in einer geheimnisvollen Weise und daher auch in ihrer ›äußeren Gestalt‹ das Selbe sind. Die Leier ist das Zeichen des ›Saitenspiels‹ und seiner ἁρμονία. Wieder trifft uns das ›Wesen‹ des Spiels. Die Griechen kennen Artemis als die Jägerin und als die ›Göttin der Jagd‹. Wir meinen natürlich, aus irgendeinem ungefähren Begriff zu wissen, was ›Jagd‹ sei, und übertragen diese Vorstellung dann unbesehen auf die Göttin der Jagd. Jagd und Tiere gehören in die ›Natur‹ – φύσις. Artemis ist die Göttin der φύσις. Ihre Gespielinnen, die Nymphen, spielen das Spiel der φύσις. Dieses Wort nennt das sich öffnende Hervorkommen und Aufgehen, ›auf‹ und hinauf in das unverborgene Dastehen und Ragen (nH.ELv). Die Göttin der φύσις ist die Ragende. Daher erscheint sie in hoher Gestalt. Ihre Schönheit ist die des hohen vornehmen Erscheinens. Den Mädchen, denen Artemis wohl gesinnt ist, schenkt sie hohen Wuchs7.

Sollte nun aber die φύσις dasjenige sein, was für die anfänglichen Denker das einzig Zu-denkende bleibt, dann müssen wir zu gegebener Zeit allerdings staunend dabei verweilen, daß Artemis in der Nähe Heraklits erscheint. Diese Nähe wäre dann gerade das Zeichen dafür, daß Heraklit ein anfänglicher Denker ist. Artemis erscheint mit Fackeln in beiden Händen. Sie heißt qJWIJqJoQOC; – die Lichtbringerin –; das Wesen des Lichtes (qJUOC;, qJooC;) ist die Helle, die allererst etwas erscheinen


7 Vgl. Homer, Odyssee XX, 71: ... μῆχος δ᾽ἔπορ Ἄρτεμις ἁγνή — »hohen Wuchs aber bereitet Artemis, die heilige«.


Martin Heidegger (GA 55) Heraklit