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§ 1. Zwei Geschichten über Heraklit

im unmittelbaren Anschluß an die genannte Bemerkung dieses Urteil: Heraklits Dunkelheit ist wohl mehr Folge einer vernachlässigten Wortfügung und der unausgebildeten Sprache.

Wir sind versucht, diese Erklärung Hegels als nicht weniger ›platt‹ zurückzuweisen. Aber wir müssen bedenken, daß Hegel mit seiner Zeit, d. h. der Zeit Goethes und Humboldts und der Klassik, aber auch in der Übereinstimmung mit der damaligen abendländischen Überlieferung, das Denken und Sagen Platons für die klassische griechische Philosophie hält. Allerdings stellt Hegel zugleich auch wieder im Hinblick auf die spekulative Kraft und Tiefe den Aristoteles noch über Platon. Von Aristoteles sagt Hegel in denselben Vorlesungen12: »Es fehlt Aristoteles freilich die schöne Form Plato's, diese Süßigkeit der Sprache (des Schwatzens), [man möchte fast sagen, des Geschwätzes:] dieser Unterredungston, der ebenso lebendig, als gebildet und human ist«. Bei solcher Einschätzung der Sprache Platons und vor allem bei der Meinung, daß die Denker vor Platon nur von diesem her und nur auf diesen zu, somit nur als vorplatonische und vorläufige Denker, aufgefaßt werden müssen, ist es dann nicht zu verwundern, wenn Hegel bei Heraklit eine »unausgebildete Sprache« und eine »vernachlässigte Wortfügung« findet? Wir denken über das Denken und die Sprache der anfänglichen Denker jetzt anders; ins gleichen urteilt man über den ›archaischen Stil‹ der griechischen Kunst heute anders als die klassizistische Kunsthistorie, wobei unentschieden bleiben mag, ob die jetzt übliche Auslegung des ›Archaischen‹ eine dem Griechentum gemäße ist oder nicht. ›Archaisch‹ kommt dem Wort nach von ἀρχή, das bedeutet Anfang. Ohne das Wissen vom Anfang tappt wohl die Auslegung der ›archaischen Kunst‹ im Dunkel. Insgleichen dürfen wir die anfängliche Sprache der griechischen Denker nicht mit dem Zollstab der späteren hellenistischen Grammatik abmessen.


12 WW, XVIII, 314.


Martin Heidegger (GA 55) Heraklit

Heraclitus pp. 17-18