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50 Der Anfang des abendländischen Denkens

vor ihm (dem Denker der Philosophie) auftun, und seinen Reichtum und seine Tiefen ihm vor Augen legen und zum Genusse geben.«2


Hegel denkt danach auch das Denken Heraklits im Sinne der neuzeitlichen und seiner eigenen spekulativen Metaphysik, die ihre Darstellung im Werk Hegels vollendet, das er mit Bedacht » Wissenschaft der Logik« betitelt hat. Wie Hegel das Verhältnis seiner ›Logik‹ zum Denken Heraklits und damit dieses selbst begriffen haben will, sagt Hegels Ausspruch: »es ist kein Satz des Heraklit, den ich nicht in meine Logik aufgenommen«3. Insgleichen nennt Nietzsche an einer Stelle, wo er seine ›Vorfahren‹ aufzählt, zuerst ›Heraklit‹, dann ›Empedokles‹, dann ›Spinoza‹, dann ›Goethe‹4.

Für Hegel erscheint jedoch Heraklit keineswegs erst im geschichtlichen Hintergrund der Vollendung seiner Metaphysik in der ›Logik‹. Heraklit ist schon für den jungen Hegel, den Studenten der Philosophie, und seine Freunde Hölderlin und Schelling da. Die drei wohnten in Tübingen zusammen in einer Stube des Stifts (der Augustinerstube). Damals und später noch war unter Freunden der Eintrag von Gedenkworten in Stammbücher üblich. Hölderlin schrieb für den Freund Hegel folgenden Eintrag5:


Goethe

Lust und Liebe sind

die Fittige zu großen Thaten.


Tüb.

v. 12. Febr.

1791

S(ymbolum). Ev 1(Ut rcuv


Schriebs zum Andenken

dein Freund

M. Hölderlin


2 Hegel, a. a. 0., XVII, 22.

3 Hegel, a. a. 0., XVII, 344.

4 WW (Großoktav), XIV, 263.

5 Hölderlin, a. a. 0., VI, 232.


Martin Heidegger (GA 55) Heraklit