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§ 2. Das Wort im Anfang des Denkens

deshalb gerade eingängiges Bild könnten wir sagen: Der Bereich der Worte dieses Denkers ist wie ein Minenfeld, wo der geringste Fehltritt alles in Staub und Rauch zernichtet. Hüten wir uns, daß wir das wesenhaft Dunkle in das bloß Trübe verkehren. Bedenken wir, daß Heraklits Denken in den Schutz der Göttin Artemis genommen war, daß wir aber (noch) ohne diese Götter den Gang des Denkens gehen müssen. Darum bedarf es der Sorgfalt bei jedem Schritt. Dazu ist nötig, einen Ausblick zu haben auf das, was möglich ist und was nicht. Deshalb müssen wir uns zugleich auch mit der jetzt beendeten und nur vorbereitenden Besinnung klar vor Augen führen, in welcher Gestalt das Wort des Heraklit uns entgegenkommt.


c) Die Gestalt, in der das Wort Heraklits überliefert ist, und die Erläuterung der Bruchstücke aus der Erfahrung des Zu-denkenden


Je anfänglicher das Denken ist, je inniger ist sein Gedachtes einig mit dem Wort. Je unversehrter das ursprünglich Gedachte im Wort geborgen bleibt, je sorgfältiger müssen wir das noch erhaltene Wort bewahren und in seinem Erscheinen beachten. Dazu ist nötig, daß wir hier genauer als sonst die Gestalt kennen, in der das Wort Heraklits überliefert ist. Wenn es im Bereich der wesenhaften Geschichte, wohin die Geschichte des Denkens gehört, einen Zufall nicht gibt, dann muß es eine eigentümliche Bewandtnis haben mit der Art, in der noch das anfängliche Wort des Heraklit zu uns spricht.

Die Überlieferung kennt ein Ἡρακλείτου σύγγραμμα, eine ›Schrift‹ oder, wie man auch sagt, ein ›Werk‹ des Heraklit. Davon sind uns nur> Trümmer‹ erhalten. Wir müssen uns mit ›Bruchstücken‹ der Schrift begnügen. Spätere Denker, Platon und Aristoteles, Theophrast und noch spätere Philosophiegelehrte, Sextus Empiricus und Diogenes Laertius, der Schriftsteller Plutarch, aber auch christliche Kirchenväter, Hippolyt, Origines, GIemens Alexandrinus führen in ihren Schriften


Martin Heidegger (GA 55) Heraklit

Heraclitus p. 28