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§ 3. Der Anfang des anfänglich Zu-denkenden

setzung von Worten des Heraklit ist die Not groß. Hier wird das übersetzen zu einem Übersetzen an das andere Ufer, das kaum bekannt ist und jenseits eines breiten Stromes liegt. Da gibt es leicht eine Irrfahrt und zumeist endet sie mit einem Schiffbruch. In diesem Bereich des übersetzens sind alle übersetzungen entweder sehr schlecht oder weniger schlecht; schlecht sind sie immer. Von diesem Urteil wird die hier versuchte übersetzung nicht ausgenommen. übersetzungen im Felde der allgemeinen Verständlichkeit und des Geschäftsverkehrs können die Auslegung entbehren. übersetzungen im Bereich des hohen Wortes der Dichtung und des Denkens sind jederzeit auslegungsbedürftig, weil sie selbst eine Auslegung sind. Solche übersetzungen können dann entweder die Auslegung einleiten oder aber sie vollenden. Aber gerade die vollendende übersetzung von Worten Heraklits muß notwendig so dunkel bleiben wie das ursprüngliche Wort.


b) Die Frage nach dem ›niemals Untergehenden‹ und seiner Wesensbeziehung zur ›Verbergung‹


τὸ μὴ δῦνόν ποτε πῶς ἄν τις λάθοι;


Dieser Spruch Heraklits nennt mehrfaches; einmal: τὸ μὴ δῦνόν ποτε — »das ja nicht Untergehende je« —, was wir leicht umschreiben können, aber zugleich dadurch auch schon abschwächen in: ›das niemals Untergehende‹. Was das ist, was da niemals untergeht, wird in dem Spruch nicht gesagt. Jedenfalls sieht es so aus; denn genannt ist es nur im Neutrum: ›das niemals Untergehende‹. So dann sagt der Spruch: πῶς ἄν τις, »wie möchte irgendwer«; von einem τις ist die Rede, ein »irgendwer« ist genannt, nicht ein τι, also keine Sache und kein Ding, sondern solches, was wir durch das Fragewort ›wer?‹ ansprechen auf es selbst und sein Selbst. Dergleichen sind wir selbst: die Menschen. In dem τις-›irgendwer‹ sind jedenfalls die Menschen mitgemeint. Ob noch anderes mitgemeint ist, das


Martin Heidegger (GA 55) Heraklit