»Es ist (d. h. es besteht der Möglichkeit und inneren Notwendigkeit nach) irgendein Wissen, das in den Blick aufnimmt das Seiende, insofern es Seiendes ist, (ein Wissen also das) demnach auch (in den Blick nimmt) dasjenige was diesem (dem Seienden insofern es Seiendes ist) an ihm selbst zukommt.«
Nach diesem Satz des Aristoteles ist das wesentliche Denken irgendein Wissen. Dies Wissen hat die Art, das von ihm Zuwissende in den Blick aufzunehmen. In den Blick genommen wird 'τὸ ὄν, das Seiende, aber TI ov; das sagt: der Blick ist ein Hinblick darauf, daß das Seiende ein Seiendes ist. Am Seienden soll nicht das Nächstliegende begafft werden, daß es ein Haus oder ein Baum, ein Esel oder ein Mensch oder etwas anderes ist, sondern das Seiende soll ›nur‹ auf das anscheinend Ferne hin angeblickt werden, inwiefern es, das Seiende, als ein Seiendes bestimmt ist. Seiendes ist aber ein Seiendes dadurch und allein dadurch, daß es ›ist‹, d. h. durch ›das Sein‹. τὸ ὄν, das Seiende, ist τὸ ζητούμενον, das Gesuchte, aber gesucht wird im Denken, das das Seiende denkt, das Sein des Seienden und dasjenige, was diesem, dem Sein zukoriunt.
Das Sein heißt griechisch τὸ εἶναι. Dieses Wort εἶναι ist der Infinitiv des Verbums, dessen Participium lautet: 'τὸ ὄν. Hieraus wird klar: wenn der Denker das Seiende denkt, dann versteht er dieses partizipiale Wort nicht im substantivischen, sondern im verbalen Sinne. Die verkürzte und deshalb zweideutige Frage: was ist das Seiende? ist zwar die Leitfrage der Denker. Aber sie fragen am Leitband dieser Frage nicht, ob das Seiende ein Stein oder ein Knochen oder ein Esel oder ein Dreieck sei, sondern die vom Denker gefragte Frage: was ist das Seiende? hat nur die Bedeutung: was ist das Sein des Seienden? Was ist das, worin und wodurch etwas ›seiend‹ ist? Was kennzeichnet überhaupt das ›Seiend‹ als ein solches?