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§ 4. Die Grundworte des anfänglichen Denkens

eine Hilfe aus der Sorgfalt, mit der wir das anfängliche Wort nachdenken. Zu dieser Sorgfalt gehört auch, daß wir schon auf die Möglichkeiten der gemäßen Übersetzung achten. Inzwischen ergab sich, daß die Denker, wenn sie wesentlich partizipiale Worte denken, jedenfalls die verbale Bedeutung in erster Linie denken. Dem folgend und vielleicht sogar übertreibend übersetzen wir jetzt: »das ja nicht Untergehen je«. Das »ja nicht -je« können wir zusammenziehen in ein »niemals«, »das niemals Untergehen«.


§ 4. Die Grundworte des anfänglichen Denkens (φύσις, ζωή). Ihr Bezug zum metaphysischen Denken und zum Denken des Seins


a) Die eigentümliche Not des anfänglich denkenden Sagens in der Wortfügung des τὸ μὴ δῦνόν ποτε und deren Umwandlung in das ›immerdar Aufgehen‹ (φύσις). Zum Wort φύσις im anfänglichen Denken und zum Begriff der ›Natur‹. Hinweis auf Fragment 123


Bis hierher haben wir das erste inhaltliche Wort aus dem Spruch des Heraklit τὸ μὴ δῦνόν ποτε nur nach seinem Wortcharakter näher bestimmt. Wir denken jetzt nicht mehr, wenn da vom ›Untergehenden‹ die Rede ist, nur an solches, was dem Untergehen anheimfällt oder entzogen bleibt, sondern an das ›Untergehen selbst‹. Dies aber denken wir in dem bereits erläuterten griechischen Sinne: das Untergehen als das Eingehen in eine Verbergung. Nun ist aber in dem Spruch gar nicht vom Untergehen die Rede. Vielmehr nennt der Spruch in einer eigentümlichen Hervorhebung τὸ μὴ δῦνόν ποτε - »das ja nicht Untergehen je«. Das μή ist ein Wort der Verneinung. Doch es verneint anders als das οὐ, das geradehin nur ein Nichtsein feststellt. Dagegen verneint das μή in dem Sinne, daß, wer das zu Verneinende erfährt, von diesem eigens ferngehalten wissen will: eben das Verneinte. Wir übersetzen daher mit »ja


Martin Heidegger (GA 55) Heraklit