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Der Anfang des abendländischen Denkens

wir doch stets noch in dem anderen Vorurteil hängen, daß φύσις doch, wenngleich im griechischen Sinne, die von uns sogenannte ›Natur‹ (Erde und Himmel, Meer und Gebirge, Pflanze und Tier) bedeute und daß von diesem, allerdings griechisch zu denkenden φύσις-Begriff aus dann auch der Mensch und die Götter φύσις-mäßig, d. h. naturhaft, gedacht worden seien.

Dieses Vorurteil ist gleich verhängnisvoll wie das erste. In Wahrheit meint jedoch φύσις, ohne den spezifischen Anklang von Gebirge und Meer und Tier, das reine Aufgehen, in dessen Walten jegliches Erscheinende erscheint und also ›ist‹. Allein auch jetzt noch möchten wir einem weiteren Vorurteil huldigen und also meinen: gut, φύσις ist das reine Aufgehen, in dessen Offenem und Lichten alles erscheint. Das Erscheinende sind dann Berg und Meer, Pflanze und Tier, Häuser und Menschen, Götter und Himmel, so nämlich, wie wir uns inzwischen dieses Seiende vorstellen. Wir lassen zwar die φύσις in der gemäßen griechischen Bedeutung des reinen Aufgehens gelten, nehmen dieses jedoch wie ein riesiges, allumgreifendes Behältnis und packen in dieses Behältnis die von uns modern vorgestellten Dinge als die Seienden hinein. Aber jetzt verfehlen wir erst recht das Entscheidende: denn die φύσις als das ständige Aufgehen ist nicht ein neutrales Behältnis, ein sogenanntes ›Umgreifendes‹, so, wie ein Lampenschirm über die Lampe übergreift, wobei die Lampe bleibt, was sie ist, ob sie der Schirm ›umgreift‹ und ›umdeckt‹ oder nicht. Das reine Aufgehen durchwaltet die Berge und das Meer, die Bäume und die Vögel; deren Sein selbst wird durch die φύσις und als φύσις bestimmt und nur so erfahren. Berge und Meer und jegliches Seiende bedarf nicht des ›Umgreifenden‹, weil es, sofern es ist, ›ist‹ in der Weise des Aufgehens.

Bedenken wir die soeben genannte und in sich verschlungene Folge der Vorurteile gegenüber der anfänglichen Bedeutung der φύσις, bedenken wir, daß diese Vorurteile kaum erkannt geschweige denn durchdacht sind, bedenken wir, daß