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Der Anfang des abendländischen Denkens

sich in den genannten Übersetzungen. Wir ›kritisieren‹ hier also nicht ihre Verfasser, sondern besinnen uns auf unsere Stellung, auf die Stellung des Abendlandes zu seinem geschichtlichen Anfang.


φύσις κρύπτεσθαι φιλεῖ. Zunächst sind wir an das eine gehalten, daß φύσις von der φύσις gesagt ist: φύσις ..... φιλεῖ. Das Wort φύσις nennt das, was für die Denker das Zu-denkende ist. Dieses wesentliche Denken hat schon bei den Griechen einen Namen erhalten, in dem das Wort φιλεῖν gleichfalls anklingt: »Philosophie« – φιλία τοῦ σοφοῦ. Wir übersetzten dies in der ersten Stunde mit: Freundschaft für das Zu-denkende. Im Fragment 35 des Heraklit ist von den φιλόσοφοι ἄνδρες die Rede, von den Männern, die aus der φιλία für τὸ σοφόν. σοφόν, σαφές bedeutet ursprünglich das Helle, Offenbare, Lichte. τὸ σοφὸν μοῦνον – das 'allein und einzig im strengen Sinne Lichte ist ἕν – das Eine. Von ihm sagt Heraklit in Fragment 32: ἓν τὸ σοφὸν μοῦνον λέγεσθαι οὐκ ἐθέλει καὶ ἐθέλει Ζηνὸς ὄνομα -»das Eine, allein zu Denkende läßt sich nicht und läßt sich doch mit dem Namen ›Zeus‹ [und d. h. des Blitzes] benennen«. Wenn wir τὸ σοφόν übersetzen mit »das Zu-denkende«, dann ist das nur eine sehr vorläufige Übersetzung, die erst ihren Gehalt und Grund empfängt, wenn das Zu-denkende bestimmt ist. Jetzt übersetzen wir das φιλεῖν im Spruch des Heraklit mit »die Gunst schenken«. Wir verstehen dabei Gunst im Sinne des ursprünglichen Gönnens und Gewährens, also nicht in der bloßen Nebenbedeutung von ›Begünstigen‹ und ›Begönnern‹. Das ursprüngliche Gönnen ist das Gewähren dessen, was dem anderen gebührt, weil es zu seinem Wesen gehört, insofern es sein Wesen trägt. Die Freundschaft, φιλία, ist demgemäß die Gunst, die dem anderen das Wesen gönnt, das er hat, dergestalt, daß durch dieses Gönnen das gegönnte Wesen zu seiner eigenen Freiheit erblüht. In der ›Freundschaft‹ wird das wechselweise gegönnte Wesen zu sich selbst befreit. Nicht die Betulichkeit, nicht einmal das ›Einspringen‹ in Notfällen und gefährlichen Lagen ist das Kennzeichen der


Martin Heidegger (GA 55) Heraklit