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§ 6. Aufgehen und Untergehen

zweite Schrank steht offen. Dann kommt allerdings der dritte Schrank, der sich langsam wieder schließt: das ist der Abend. Bevorzugen wird man den zweiten Schrank, wogegen das Aufgehen und Sichverschließen unvermeidliche Zugaben sind. Wenn man den dritten Schrank, der Abend heißt, in seiner Beziehung zu den übrigen verfolgt, dann ergibt sich außerdem, daß er ›eigentlich‹ nur zum offenen Schrank, dem Tag, in Beziehung steht; denn durch den Abend wird der Tag wieder geschlossen. Das Untergehen, der Abend, steht also, so lautet die Weisheit, gar nicht im Gegensatz zum Aufgehen, sondern natürlich zum Tag; so wie ja auch das ›Sterben‹ nicht als der Gegensatz zum Geborenwerden, sondern im Gegensatz zum Leben steht. Wir sagen: leben und sterben, nicht: geboren werden und sterben. Gegen diese drei Schränke und die schrankmäßjge Vorstellung des Seienden läßt sich nicht viel sagen, höchstens dies, daß jede Vorstellungs art, die nach Schränken ›denkt‹, eindeutig beschränkt ist. Man redet zwar vom Gegensatz Leben und Tod, womit doch erwiesen ist, daß der Tod der Gegensatz zum ›Leben‹ und nicht etwa der Gegensatz zur Geburt ist. Auch hier spielt der Schrank seine Rolle. Man meint, wenn man überhaupt etwas meint, durch die Geburt werde der Mensch in einen Schrank gesetzt, der ›Leben‹ heißt, und durch den Tod werde er wieder aus dem Schrank herausgeholt, als ob der Mensch nicht schon mit der Geburt gerade begänne zu sterben, als ob der Tod nicht die ständige Möglichkeit des sogenannten Lebens wäre, das als Leben das Geborensein eben ist. ›Der Schrank‹ ist gewiß eine bequeme Sache, und wer in Schränken denkt, kann da vieles unterbringen. Aber leider ist das Sein kein Schrank, sondern der Schrank ist seinerseits allenfalls etwas Seiendes und nötigenfalls ein recht belangloses.

Die φύσις, das Aufgehen, steht in einer Wesensbeziehung zum Sichverschließen, d. h. zum Eingehen in die Verbergung, also zum griechisch gedachten ›Untergehen‹. Der Wesensbezug ist in Fragment 123 (φύσις κρύπτεσθαι φιλεῖ) genannt mit dem


Martin Heidegger (GA 55) Heraklit