141
§ 7. Die φύσις als die wesentliche Fügung

an diesem Wesen sich stößt und dieser Anstößigkeit zufolge auf die eigene Ansicht sich versteift, die verständlich ist, da man sie sich selbst gemacht hat. Weil die φύσις sich nicht versteckt, vielmehr das einfache Aufgehen und das Offene ist, ist sie das Nächste alles Nahen.


§ 7. Die φύσις als die wesentliche Fügung (ἁρμονία) von Aufgehen und Untergehen (Sichverbergen) in der wechselweisen Gewährung ihres Wesens. Anzeige des Selben in Aufgehen und Untergehen. Fragmente 54, 8 und 51


Indem das Aufgehen als es selbst dem Sichverbergen die Gunst schenkt, fügt sich das Sichverbergen ein in das Auf- gehen, dergestalt, daß dieses aus jenem aufgehen kann und seinerseits in das Sichverbergen geborgen und d. h. gefügt bleibt. Die φύσις selbst, jetzt erblickt in dem Wesen, das der Spruch des Fragmentes 123 nennt, ist die Fügung, in der sich das Aufgehen dem Sichverbergen und dieses dem Aufgehen sich fügt. Das griechische Wort für Fügung lautet ἁρμονία. Wir denken bei diesem Wort sogleich an die Fügung der Töne und fassen ›Harmonie‹ als den ›Ein-klang‹. Allein das Wesentliche der ἁρμονία ist nicht der Bereich des Klingens und Tönens, sondern der ἁρμός, die Fuge, dasjenige, wobei eines in ein anderes sich einpaßt, wo beides in die Fuge sich fügt, so daß Fügung ist.

Weil nun aber das Sichverbergen nichts ist, was außerhalb und neben dem Aufgehen liegt, nichts, was dem Aufgehen erst nachträglich angetragen und angepaßt wird, weil das Sichverbergen das ist, was die φύσις von sich aus gewährt als das, worein sie selbst gegründet bleibt, deshalb waltet hier die φύσις selbst als die Fügung, ἁρμονία, der Fuge, in der Aufgehen und Sichverbergen wechselweise die Gewährung ihres Wesens einander zureichen.


Martin Heidegger (GA 55) Heraklit