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Der Anfang des abendländischen Denkens

fährt und gewährt, dieses Zusammenbringen bringt zusammen, indem es in die Fuge fügt, ja sogar diese erst erfügt und so die Fuge selbst zum Scheinen und damit das Sichfügende auseinanderbringt, auseinander in der Reinheit ihres sich gewährenden Gegeneinander. Stets jedoch müssen wir hier, wo der Wechselbezug von φύσις und it κρύπτεσθαι als ἀντίξουν gedacht wird, im Blick behalten, daß die φύσις gedacht wird, daß Aufgehen und Untergehen gegen-fahrend sich fügen. In der Sache noch ursprünglicher denkend müssen wir sogar sagen, daß auch das Wesen des ἀντίξουν und des συμφέρειν und διαφέρειν aus der φύσις bestimmt wird, d. h. aus ihrem aufgehenden lichtenden Wesen. Weil hier aber nicht irgendein sinnlich anschaubarer Anblick voreilig für das Ganze des Seienden gesetzt wird, weil vielmehr der denkende Entwurf das Sein selbst bildlos erblickt in seinem anfänglich einfachen Wesen der Fügung, vermag das gewöhnliche Meinen das hier Zu-denkende nicht zu denken; denn es müßte ja dem ἀντίξουν/συμφέρον folgen und das Gegenfahren als ein Zusammenbringen vernehmen und in solchem Vernehmen dem Zu-denkenden gemäß sich verhalten1. Das Aufgehen, die φύσις, läßt sich als die genannte Fügung nur denken, wenn das Denken selbst fügsam ist und in der Fuge der Fügung den Fug denkt und dabei und so allein auch schon den anfänglichen Un-fug weiß. Das gewöhnliche Denken und zum al das unsere und moderne ist ein gegenständliches Denken, das allein in der möglichen Vergegenständlichung das Kennzeichen der Wahrheit des Gedachten sucht. Weil aber nicht nur späteres, sondern jedes gewöhnliche Denken als ein solches hier, im Denken der φύσις nie mitzugehen vermag, muß der Unterschied der beiden Denkungsarten auch für die anfänglichen Denker schon aufgehen. Daß das gewöhnliche Meinen ein Denken der φύσις nicht zu vollziehen vermag, spricht Heraklit deutlich genug in einem


1 Vgl. unten über Fragment 16.


Martin Heidegger (GA 55) Heraklit

Heraclitus p. 111