§ 1. Der Titel ›Logik‹


ziehen, ihm ausweichen, an ihm vorbeigehen und ihn mißdeuten kann, um alsbald in das Schutzlose wegzuirren und in das Unbehütete zu geraten?

Woher und wie ist vollends der Anspruch an den Menschen, zu denken und dem Eigenen der Dinge gemäß zu denken, dem Menschen zugesprochen? Hat der Mensch, haben wir noch ein Ohr für diesen Zuspruch? Verstehen wir die Sprache dieses Spruches? Stehen wir in einem Bezug zu dem Wort, das in diesem Spruch zur Sprache kommt? Was ist das überhauptdas Wort? Was heißt es, einem Anspruch, der unser Wesen bestimmt, antworten? Sind diese soeben gefragten Fragen vielleicht die eigentlichen Fragen der ›Logik‹? ›Logik‹, sagt man, sei die Lehre vom richtigen Denken.

Richtig denken, aus der Sache denken, überhaupt denken, ist not, ja allererst denken lernen -ist das Nötigste. Das alles jedoch niemals nur deshalb, um bloße Denkfehler zu vermeiden. Denken ist not, damit wir dadurch einer wohl noch verborgenen Bestimmung des geschichtlichen Menschen entsprechen. Vielleicht ist es so, daß alles inskünftig eine lange Zeit hindurch einzig darauf steht, ob dem geschichtlichen Menschen dieses Entsprechenkönnen und das Vermögen zu denken gewährt wird oder versagt bleibt. ›Der geschichtliche Mensch‹ dies meint dasjenige Menschentum, dem ein Geschick zugedacht ist und zwar als das Zu-denkende. Wer soll aber die Gabe des Denkens in dieser Weltstunde für die kommenden Tage eher empfangen und empfangen können als ›das Volk der Denker‹, von dem ein beizeiten Weggegangener sagen mußte, daß es das »heilig Herz der Völker«1 sei und daß aus ihm »Rath« komme »rings Den Königen und den Völkern«2? Alles Dichten und Spielen, alles Bilden und Bauen, alles Sorgen und Wirken, alles Kämpfen und Leiden verirrt sich in die Wirrnis und das Dumpfe und das Zufällige und bloß Gerechnete, wenn nicht die einfache Helle des Denkens ist, aus dem


1 Hölderlin, a. a. 0., Bd. IV, S. 129.

2 Hölderlin, a. a. 0., Bd. IV, S. 185.


Martin Heidegger (GA 55) Heraklit