Sagt uns Heraldit etwas über das Lebewesen ›Mensch‹ in dieser Hinsicht, d. h. in Hinsicht auf den λόγος? Heraklit sagt genug. Was sagt Heraklit? Was sagt Heraklit, der ausdrücklich das ὁμολογεῖν vom Menschen verlangt, über die ψυχή des Menschen? Ein Spruch, der als Fragment 45 gezählt wird, lautet:
ψυχῆς πείρατα ἰὼν οὐκ ἂν ἐξεύροιο, πᾶσαν ἐπιπορευόμενος ὁδόν· οὕτω βαθὺν λόγον ἔχει.
»Der Seele äußerste Ausgänge auf deinem Gang nicht wohl kannst du sie ausfinden, auch wenn du jeden Weg abwanderst; so weitweisende Lese (Sammlung) hat sie.«
Demnach hat die ψυχή, das Wesen des Lebewesens ›Mensch‹, einen λόγος, und dieser λόγος ist βαθύς - »tief«, ja, er ist in einem ausgezeichneten Sinne »tief«. Meistens verstehen wir, wie bereits vermerkt, das Tiefe nur aus der Gegenrichtung zum Hohen und zur Höhe. Die Tiefe enthält so dann die Richtung nach unten und hinab. Das aber ist nicht das Wesentliche des βαθύς. Wir sprechen von einem ›tiefen Wald‹; auch Homer gebraucht in der Ilias schon diese Redewendung2. Das Tiefe ist das Weite, aber gänzlich ins Verborgene hinein Weisende und so selbst irgendwie Sammelnde. Inwiefern kann ein λόγος tief sein? Das Lesen, Sammeln holt aus. Ja, dies Ausholen bestimmt erst alles sammelnde Einholen und Einholbare. Das Ausholen ist das Weisen in die Weite, aus der das Lesen erst das Sammelnde zuweist. Der λόγος der ψυχή ist als λόγος tief, so zwar, daß die Tiefe besteht im ausholenden Anweisen der Weite, aus der sich die Sammelbarkeit des Zu-sammelnden bestimmt. Insofern die Seele einen solchen λόγος hat, gehört zu ihrem Sichöffnen und zum aufnehmenden Zurücknehmen das ausholende Weisen in eine Weite. Wohin diese weisende Weite reicht, dahin hat die ψυχή als ψυχή äußerste Ausgänge, durch die sie offen ist für das, worauf ihr λόγος als solcher weist.
2 φ 573.
Heraclitus p. 213