283
§ 5. Drei Wege zur Frage: Was ist der Λόγος?

Das Fragment 45 lautet: ψυχῆς πείρατα ἰὼν οὐκ ἂν ἐξεύροιο , πᾶσαν ἐπιπορευόμενος ὁδόν · οὕτω βαθὺν λόγον ἔχει.

»Der Seele äußerste Ausgänge auf deinem Gang nicht wohl kannst du sie ausfinden, auch wenn du jeden Weg abwanderst; so weitweisende Lese (Sammlung) hat sie.«


Aus diesem Spruch entnehmen wir zunächst und ganz allgemein dieses: die Seele, nämlich die Seele des Menschen, der hier auf seinem Gang durch die Seele hin angesprochen wird, die Seele des Menschen hat einen λόγος; der Mensch ist ein ὄν λόγον ἔχον. Wir hören so aus diesem Spruch beinahe schon dem Wortlaut nach die spätere, für alle Metaphysik maßgebende Wesensumgrenzung des Menschen heraus, nach der er ist ζῷον λόγον ἔχον, (dasjenige) Lebewesen, das einen (den) λόγος hat. Aber λόγος wird in der Auslegung dieser Definition des Menschen als ratio und d. h. als Vernunft gedacht im Sinne des Vermögens, nach Ideen zu denken, und d. h. in Begriffen zu urteilen. Was liegt jetzt näher als der Versuch, diese spätere metaphysische Definition des Menschen in dem angeführten Spruch des Heraklit wieder finden zu wollen? Diese~ Deutungsversuch hätte doch einiges Recht und Gewicht. Aber er wird nicht unternommen. Nicht weil man sich scheute, die metaphysische Auffassung vom Menschenwesen in das Denken Heraklits zurückzutragen, sondern weil man das in diesem Spruch gebrauchte Wort λόγος in einem noch äußerlicheren Sinne metaphysisch versteht. Der Spruch spricht nämlich aus einer anderen Hinsicht vom λόγος der Menschenseele, insofern er ausdrücken möchte, dieser λόγος, den die Menschenseele hat, sei ›tief‹. Allein man verzichtet zugleich darauf, dem Wesen der Tiefe des menschlichen λόγος weiter nachzudenken. Man bleibt dabei stehen, diesen Ausspruch des Heraklit nur als einen Vermerk darüber zu nehmen, daß die Seele des Menschen wegen ihrer Tiefe schwer zugänglich sei. Und da man außerdem schon und in jedem Fall ›λόγος‹ hier metaphysisch denkt, gelangt man zu einer Auslegung dieses Spruches, die