gemeinüblich geworden ist. Sie sei ihrer Merkwürdigkeit wegen hier beiläufig erwähnt. Merkwürdig ist sie, weil sie uns über manches belehren kann.
λόγος heißt metaphysisch-logisch ausgelegt: Aussage, Urteil, oder auch ›Begriff‹, insofern man den Begriff als das Gerinnsel eines Begreifens, d. h. Urteilens, auffaßt. Statt Aussage, Urteil, als der Grundform des logisch gefaßten Denkens sagt man auch ›Gedanke‹ und versteht unter λόγος den ›Gedanken‹, und zwar nicht als seelische Denktätigkeit, sondern als das in solcher Tätigkeit Gedachte: den Gedanken als den im Denken gemeinten Sinn. λόγος als Aussage, Urteilen, Begreifen genommen, wird so gleichgesetzt mit ›Begriff‹ und dem Begriffenen, d. h. dem ›Sinn‹. Mit dieser logisch-metaphysischen Auffassung des λόγος ausgerüstet, kann man dem Spruch des Heraklit dann leicht begegnen und ihm eine Deutung geben, die vor allem dem modernen Menschen sofort einleuchtet. Setzen wir λόγος gleich Begriff, dann will Heraklit mit seinem Spruch sagen, der Begriff der Seele sei so tief, daß alle Nachforschungen auf dem Gebiet der ›Psyche‹, d. h. die Psychologie, nirgends recht durchkommen, nie an die Grenzen der Seele und an das sie Umgrenzende, ›Definierende‹ gelangen und daher auch scheitern müssen. Der Spruch des Heraklit wird so als das früheste Zeugnis für die Schwierigkeiten der Psychologie und aller psychologischen Selbstbeobachtung in Anspruch genommen. Es gibt ein Werk über »Allgemeine Psychologie«, das sogar diesen Spruch des Heraklit im Sinne der soeben gestreiften Deutung eigens als Motto auf dem Titelblatt führt. Der Verfasser dieser Psychologie galt zu seiner Zeit außerdem als ein ausgezeichneter Kenner der griechischen Philosophie (Natorp).
Aber Heraklit will in diesem Spruch nichts über die Grenzen und Beschwernisse. der psychologischen Forschung sagen. Dergleichen ist schon deshalb unmöglich, weil nicht nur den frühen Denkern der Griechen, sondern dem Griechentum überhaupt so etwas wie ›Psychologie‹ ganz fremd war. Das ist keine