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Heraklits Lehre vom Logos

wird. In diesem ἓν πάντα εἶναι zeigt sich ›der Λόγος selbst‹, und zwar als der Λόγος. Das ἓν πάντα εἶναι enthält nämlich dieses, daß das Eine als das Alles vereinende, das Sein des Alles, das Sein des Seienden im Ganzen ausmacht. Der Λόγος selbst ist das Alles vereinende Eine; dieses Vernehmliche aber ist nach dem Spruch des Heraklit dasjenige, was es für den Menschen eigentlich zu wissen gilt. Es ist das vor allem anderen und in allem anderen und über alles andere hinaus Zudenkende.

Der eine der von uns eingeschlagenen Wege führt zur Erkenntnis: der Λόγος ist das sich selbst kundgebende alles vereinende Eine. Der Λόγος ist das Vereinen von Allem. Was demnach jetzt ›Λόγος‹ heißt, nämlich vereinendes Einen, diese Bedeutung von Λόγος ist grundverschieden von derjenigen Bedeutung des λόγος, den die ›Logik‹ denkt, wenn sie ihn als ›Aussage‹ und ›Sagen‹, als ›Rede‹ und ›Wort‹, als ›Urteil‹ und >Vernunft‹ denkt.

Aber eben dies, was nach dem Spruch des Heraklit der Λόγος über sich selbst eröffnet, daß er es sei, nämlich das vereinende Einen, eben dies vom λόγος selbst kundgegebene Wesen des λέγειν entspricht nun ursprünglich und genau dem, was das Wort λέγειν eigentlich bedeutet. Diese ursprüngliche Bedeutung von λόγος und λέγειν zu zeigen und zu erläutern, ist der andere Weg, der sich mit dem ersten dann im Selben trifft. λόγος und λέγειν bedeutet »lesen«, »sammeln«, d. h. doch Einen und Vereinen.

Nun ergab sich freilich bei der Erläuterung des ἕν und des πάντα, daß sich das Wesen des Eins und des Alles und damit des Einens und Vereinens nicht geradewegs eindeutig festlegen läßt. Zugleich aber ließ sich doch als das Durchgängige festhalten, daß hier eben das waltet, was im Wort ›sammeln‹, ›lesen‹ genannt wird. Deshalb liegt für die Gewinnung einer gemäßen Einsicht in das Wesen des Λόγος alles daran, das Wesen des ›Lesens‹ und der ›Lese‹, des Sammelns und der Sammlung deutlicher und erfüllter und vollständiger zu fassen.


Martin Heidegger (GA 55) Heraklit