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Heraklits Lehre vom Logos

der Schwierigkeit, das Wesen der Menschenseele auf einen gemäßen ›Begriff‹ zu bringen. Der andere Grund, weshalb die gängige Auslegung des Fragment 45 hinfällig wird, liegt darin, daß das Wort λόγος, das in diesem Spruch vorkommt, nicht ›Begriff‹ und daher auch nicht ›Sinn‹ bedeutet, weil λόγος dies nicht bedeuten kann. Diese Bedeutung gewinnt das Wort erst auf dem Grunde der Metaphysik Platons durch Aristoteles. Wenn im Spruch des Heraklit λόγος überhaupt nicht ›Begriff‹ bedeuten kann, dann ist es auch unmöglich, daß der Spruch von der Schwierigkeit spricht, einen angemessenen Begriff der Seele zu gewinnen.

Aber Heraklit sagt allerdings, die ψυχή des Menschen habe βαθὺν λόγον, einen »tiefen« λόγος. Wir werden nach dem Gesagten jetzt versuchen müssen, den hier genannten λόγος aus dem ursprünglichen Wesen des λέγειν im Sinne des Sammelns und Lesens zu verstehen. Wir werden aber zuerst fragen: Was ist die ψυχή, daß sie überhaupt einen λόγος im Sinne der Sammlung haben kann? ψυχή denken wir im Hinblick auf das, was in denjenigen Worten genannt wird, die oft mit ψυχή zusammen gesagt sind: φύσις und ζωή. Der Grundzug dessen, was diese Worte nennen, ist das Aufgehen ins Offene, welches Aufgehen zugleich das In-sich-zurückgehen in das Sich-verschließen ist. Achten wir auf die Wurzelbedeutung von ψυχή, nach der das Wort soviel wie »Atem« bedeutet, und nehmen wir das Atmen als Grundzug der ζωή, des Lebens, dann ist das Atmen das ausholende Einholen. Sofern aber ψυχή nicht meint den eingeschränkten Bezug auf die Luft und nicht meint die Tätigkeit der Lungen und der Brust, sofern ψυχή nicht bedeutet einen gesonderten Vorgang im Lebewesen, die Tätigkeit der Atmungsorgane, sondern den Wesensbestand des Lebendigen, sofern ψυχή als das Wesen des Lebendigen in Anspruch genommen ist, nennt hier das Wort das einholende ausholende Sichöffnen für das, was auf den Menschen und in der Richtung auf seine Wesensmitte ihm zukommt. Wir erläutern das Wesen


Martin Heidegger (GA 55) Heraklit