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§ 6. Die abwesende Gegenwart des Λόγος

der nach demselben Spruch als das Eine alles ursprünglich versammelt. Von diesem wird jetzt gesagt, es sei πάντων κεχωρισμένον. Man übersetzt dies mit: »das von allem Abgesonderte« (Diels) oder »das von allem Getrennte«. Ein übersetzer umschreibt zu allem überfluß noch das κεχωρισμένον, das er mit »das Getrennte« übersetzt, durch das lateinische »ab-solutum«, und das heißt, das von allem Ab-und Losgelöste. ›Der Λόγος,‹, den Heraklit nennt, ist danach das ›Absolute‹. Darunter versteht die Metaphysik das höchste für sich bestehende Seiende, das Grund und Ursache alles übrigen Seienden ist.

Seit der christlichen Auslegung der Metaphysik, die noch im »Antichrist« Nietzsches, nur eben in der Form der abhängigen Gegenbewegung, wirksam ist, wird ›das Absolute‹ gleichgesetzt mit Gott als dem Schöpfer der Welt. Dieses christlich gedachte ›Absolute‹ ist theologisch, dogmatisch und das heißt trinitarisch ausgelegt als die Einheit der drei Personen Vater, Sohn und Geist. Die zweite Person der Gottheit ist nach dem ersten Satze des Johannesevangeliums der λόγος" von dem dort gesagt wird:


Ἐν ἀρχῇ ἦν ὁ λόγος, καὶ ὁ λόγος ἦν πρὸς τὸν θεόν, καὶ θεὸς ἦν ὁ λόγος. οὗτος ἦν ἐν ἀρχῇ πρὸς τὸν θεόν. πάντα δι᾽αὐτοῦ ἐγένετο, καὶ χωρὶς αὐτοῦ ἐγένετο οὐδὲ ἓν ὃ γέγονεν.

Nach der übersetzung der Vulgata heißt dies: »In principio erat verbum, et verbum erat apud Deum, et Deus erat verbum. Hoc erat in principio apud Deum. Omnia per ipsum facta sunt: et sine ipso factum est nihil, quod factum est«. »Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Das war im Anfang bei Gott. Alles ist durch es (ihn) gemacht worden, und ohne es (ihn) ist gemacht nichts, was gemacht ist«.

Wir achten jetzt weniger darauf, daß hier der i..6yo~ als Verbum und Wort aufgefaßt wird, wobei nicht vergessen werden darf, daß dieses Wort die zweite Person der Gottheit ist und daß das Wort dann als der Erlösergott Mensch geworden. Wir gehen auch nicht jener neuzeitlichen Gegenstellung


Martin Heidegger (GA 55) Heraklit

Heraclitus pp. 247-248