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Zusatz

selbst bleibt, desto sammelnder ist und sich mehrender. Darum kann Heraklit sagen (Fragment 115):


ψυχῆς ἐστι λόγος ἑαυτὸν αὔξων .

»Der Seele eignet ein Lesen, das sich selbst bereichert.«


Also scheint die Seele doch sich auf sich selbst zu stellen und ihre Wege zu gehen und gehen zu müssen, um reich zu werden. Aber bedenken wir wohl, vom λόγος der Seele, also von dem weitweisenden, d. h. zu dem λόγος ausholenden, ist die Rede. Dieser λόγος, nicht die selbstmächtige und selbstsüchtige Seele, der λόγος als λόγος wird reicher durch sein λέγειν, insofern dieses ist ὁμολογεῖν. Insofern das λέγειν horchsam sich sammelt auf den Λόγος, sich daran gibt an diesen und nur ihn hört, wird es reicher. Die Seele muß die gängigen Wege aufgeben und auf das eine und einzige Geringe des eigentlichen horchsamen Hinhörens sich verarmen, dann ist und dann allein ist das Reichwerden ihres λόγος. Das Reicherwerden des Sichsammelns auf den Λόγος besteht darin, daß es sich, auf diesen hinhörend, von ihm stets überholen und so sich dazu bringen läßt, immer einfacher und neuer ausholend in das überholende diesem sich zu fügen in der einzigen Fügsamkeit.

Noch ein letztes Wort des Heraklit über die Seele sei erwähnt, damit wir einen geläuterten Blick lernen in die jetzt ständig genannten Bezüge zwischen dem λόγος der Seele, dessen ὁμολογεῖν, worin das σοφόν besteht. Indem das λέγειν der Seele ›dem Λόγος‹ entspricht, ist das eigentliche Wissen. Wann also ist und welche Seele ist die Wissende und rein wissende und die Wissendste, griechisch ψυχή σοφωτάτη)? Heraklit sagt es in Fragment 118:


αὔη ψυχὴ σοφωτάτη καὶ ἀρίστη.

»Nüchterne Seele ist die Wissendste und also auch die edelmütigste.«


αὔη ist die »trockene«; das meint aber hier nicht das Vertrocknete, Ausgedörrte, Leblose, sondern das Trocken im Gegensatz


Martin Heidegger (GA 55) Heraklit