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Vorbetrachtung

Urwissenschaft vorfindbar, im abgeleiteten Sinne und bis zu einem gewissen Ausmaße aber — den besonderen Erkenntniszielen und deren methodischer Verfassung entsprechend — in jeder echten Wissenschaft.

Der besonderen Problematik einer Wissenschaft entspricht jeweilig eine besondere Typik des Bewußtseinszusammenhangs. Dessen Wesensgesetzlichkeit kann herrschend werden in einem Bewußtsein. Dieses prägt sich in immer reinerer Form aus zu einem typischen Motivationszusammenhang. Wissenschaft wird so zugleich zum Habitus eines persönlichen Daseins.

Jedes Dasein persönlichen Lebens hat in jedem seiner Momente innerhalb seiner bestimmten, vorherrschenden Lebenswelt ein Verhältnis zur Welt, zu den Motivationswerten der Umwelt, der Dinge seines Lebenshorizontes, der Mitmenschen, der Gesellschaft. Diese Lebensbezüge können durchherrscht sein — und zwar in ganz verschiedenen Weisen der Durchherrschung - von einer genuinen Leistungs- und Lebensform, ζ. B. der wissenschaftlichen, religiösen, künstlerischen, politischen.

Der wissenschaftliche Mensch steht aber nicht isoliert. Ihn bindet eine Gemeinschaft von gleichstrebenden Forschern - mit diesen reichen Bezüge zu Schülern. Der Lebenszusammenhang des wissenschaftlichen Bewußtseins wirkt sich aus in objektiver Geformtheit und Organisation in den wissenschaftlichen Akademien und Universitäten.

Die vielberedete Universitätsreform ist gänzlich mißleitet und eine totale Verkennung aller echten Revolutionierung des Geistes, wenn sie sich jetzt ausweitet in Aufrufen, Protestversammlungen, Programmen, Orden und Bünden: geistwidrige Mittel im Dienste ephemerer Zwecke.

Zu echten Reformen im Bereich der Universität sind wir heute nicht reif. Und das Reifwerden hierfür ist Sache einer ganzen Generation. Erneuerung der Universität bedeutet Wiedergeburt des echten wissenschaftlichen Bewußtseins und Lebenszusammenhanges.


Martin Heidegger (GA 56/57) Zur Bestimmung der Philosophie

GA 56-57