EINLEITUNG



§ 1. Philosophie und Weltanschauung


a) Weltanschauung als immanente Aufgabe der Philosophie


Beim ersten Anhieb eines Versuchs, den Sinn des Themas zu verstehen, möchte man fast überrascht sein von dessen Trivialität, und man wird es entschuldigen als geeigneten Stoff eines der zuweilen nicht unbeliebten allgemeinen Bildungskollegs. Man verfügt über eine mehr oder minder klare Vorstellung von Philosophie, zumal in der Gegenwart, wo sie und das Reden und Schreiben darüber beinahe zum guten Ton gehören, und Weltanschauung ist eine geistige Angelegenheit, die heute jeden angeht: Der Bauer im Schwarzwald hat seine Weltanschauung, sie fällt ihm zusammen mit dem Lehrgehalt seiner Konfession; der Fabrikarbeiter hat seine Weltanschauung, sie hat ihren Kern vielleicht darin, jede Religion als überlebte Sache zu betrachten und zu werten; erst recht hat der sogenannte Gebildete seine Weltanschauung; die politischen Parteien haben ihre Weltanschauung. Es ist das Wort gefallen vom Gegensatz der englisch-amerikanischen und deutschen Weltanschauung.

Geht nun das Bestreben auf eine höherstufige, in eigenem und selbständigem, von religiösen und sonstigen Dogmen freiem Denken auszubildende Weltanschauung, dann treibt man Philosophie. Die Philosophen haben im ausgezeichneten Sinne den Ehrentitel »große Denker«. Sie werden für »groß« gehalten nicht allein ob der Schärfe und Folgerichtigkeit ihres Denkens, sondern mehr noch ob dessen Tiefe und Weite. Sie erleben und schauen die Welt mit gesteigerter innerer Lebendigkeit in ihrem letzten Sinn oder gar Ursprung; sie erkennen die Natur als Kosmos letzter Gesetzlichkeiten einfacher Bewegungen


Martin Heidegger (GA 56/57) Zur Bestimmung der Philosophie page 7

GA 56-57