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Einleitung

oder Energien; sie gewinnen auf Grund ihrer meist ausgebreiteten Kenntnis der Einzelwissenschaften, des künstlerischliterarischen, des politisch-sozialen Lebens ein letztes Verständnis dieser geistigen Welten - denn die endgültigen Probleme lösend, bleiben die einen bei dem Dualismus von Natur und Geist überhaupt stehen, oder sie führen beide Welten auf einen gemeinsamen Ursprung — Gott — zurück, der nun selbst wieder extra mundum gedacht wird oder mit allem Sein identisch. Andere deuten alles Geistige als naturhaftes, mechanisches, energetisches Sein, andere umgekehrt alle Natur als Geist.

Innerhalb solcher Grundauffassungen der Welt und mit ihrer Hilfe erfährt dann der Mensch, sein Einzel- und Gesellschaftsleben, entsprechende »Erklärungen« und Deutungen; Sinn und Zweck menschlichen Daseins und menschlichen Schaffens als Kultur werden entdeckt.

Mit anderen Worten: Das Absehen der großen Philosophen geht auf ein in jedem Sinne Letztes, Allgemeines und Allgemeingültiges. Der innere Kampf mit den Rätseln des Lebens und der Welt sucht zur Ruhe zu kommen in der Festsetzung eines Endgültigen von Welt und Leben. Objektiv gewendet: Jede große Philosophie vollendet sich in einer Weltanschauung - jede Philosophie ist, wo sie ihrer innersten Tendenz gemäß zur ungehemmten Auswirkung kommt, Metaphysik.

Die Formulierung unseres Themas hat einen eindeutigen Sinn gewonnen; wir verstehen die Bedeutung des »und«: Es besagt mehr als eine leere Aneinanderreihung von Philosophie und Weltanschauungsproblem. Nach der gegebenen Analyse bringt das »und« die Weltanschauung zur Philosophie in das Verhältnis ihrer eigenen Aufgabe - ihres Wesens. Philosophie und Weltanschauung bedeuten im Grunde dasselbe, nur daß Weltanschauung Wesen und Aufgabe der Philosophie zu schärferem Ausdruck bringt. Weltanschauung als Aufgabe der Philosophie: also philosophiegeschichtliche Betrachtung der Art und Weise, wie Philosophie sich jeweils dieser Aufgabe entledigt hat.


Martin Heidegger (GA 56/57) Zur Bestimmung der Philosophie

GA 56-57