c) Die Paradoxie des Weltanschauungsproblems. Unvereinbarkeit von Philosophie und Weltanschauung
Die kritische Entscheidung zwischen beiden Auffassungen des Themas legt sich unschwer nahe. Ohne jetzt in spezielle Erörterungen einzutreten, ist ersichtlich, daß sich das moderne kritische Bewußtsein für die zweite wissenschaftliche Problemstellung entscheiden wird und, wie die einflußreichsten philosophischen Schulen der Gegenwart zeigen, sich bereits entschieden hat.
Diese vorläufige Explikation der möglichen Auffassungen des Themas leitet über zur eigentlichen Analyse des Problems. Die Exaktheit und Vollständigkeit der Methode fordert aber, daß wir zuvor noch eine formale Frage erwägen, ob denn mit den beiden besprochenen Problemformulierungen alle Möglichkeiten einer Auffassung des Themas in der Tat erschöpft sind.
Die Geschichte der Philosophie zeigt diese bei der vollen Mannigfaltigkeit ihrer Ausprägungen als stets irgendwie im Zusammenhang mit der Weltanschauungsfrage. Unterschiede und demnach mögliche Auffassungen des Themas ergeben sich nur bezüglich des Wie, der Art des Zusammenhangs, d. h. über alle individuellen Differenzen hinweg sind Philosophie und Weltanschauung entweder identisch oder nicht identisch, ein Zusammenhang aber besteht.
Es bleibt nur noch die leere Möglichkeit, daß zwischen beiden überhaupt kein Zusammenhang besteht. Weltanschauung wäre dann ein der Philosophie gegenüber völlig heterogenes Gebilde. Diese radikale Trennung widerspräche aller bisherigen Auffassung der Philosophie; denn sie schlösse die Forderung in sich, einen ganz neuen Begriff der Philosophie zu entdecken, und zwar einen solchen, der sie außerhalb jeder Beziehung mit den letzten Menschheitsfragen stellen müßte. Die Philosophie käme so um ihre angestammtesten Vorrechte, um ihren königlichen, überlegenen Beruf. Was sollte ihr, ginge dieser verlustig, überhaupt noch Wert verleihen?