12
Einleitung

Denn sie könnte, wenn wir uns der besprochenen möglichen Auffassungen erinnern, ernstlich auch nicht mehr als Wissenschaft in Betracht kommen, denn auch die wissenschaftliche Philosophie als kritische Wertwissenschaft, die sich auf den Grundakten des Bewußtseins und deren Normen aufbaut, hat in ihrem System eine letzte notwendige Tendenz auf Weltanschauung.

Wir reden also von einer Paradoxie, die als formal-methodische Erwägung eine scheinbare Berechtigung, sonst aber nur den fragwürdigen Vorrang hat, zur Katastrophe aller (bisherigen) Philosophie zu führen. Diese Paradoxie aber ist unser echtes Problem. Damit werden die beiden erstgenannten Auffassungen des Themas radikal in Frage gestellt, und das Thema umschreibt im echten Sinne ein Problem.

Der Ausdruck »Weltanschauungsproblem« erhält jetzt eine neue Bedeutung. Soll erwiesen werden, daß die Ausbildung einer Weltanschauung in keiner Weise, auch nicht als Grenzaufgabe, zur Philosophie gehört, daß sie selbst ein philosophiefremdes Phänomen darstellt, dann schließt solcher Nachweis ein das Aufzeigen der völligen Andersartigkeit der »Weltanschauung«, d. h. Weltanschauung überhaupt und als solche — nicht diese oder jene bestimmte, nicht die Ausbildung einer solchen: Das Wesen der Weltanschauung wird Problem, und zwar in der Richtung seiner Deutung aus einem übergreifenden Sinnzusammenhang.

Der im echten Sinn un-philosophische Charakter von Weltanschauung überhaupt läßt sich nur herausstellen, indem sie der Philosophie gegenübergestellt wird, nicht nur das, sondern auch nur mit den methodischen Mitteln der Philosophie selbst. Die Weltanschauung wird zum Problem der Philosophie in einem ganz neuen Sinne. Aber der Kern des Problems liegt in dieser selbst - sie selbst ist ja Problem. Die Kardinalfrage geht auf das Wesen, den Begriff der Philosophie. Das Thema ist aber formuliert: »Die Idee der Philosophie ...«, und näherhin: »Die Idee der Philosophie als Urwissenschaft«.


Martin Heidegger (GA 56/57) Zur Bestimmung der Philosophie

GA 56-57