ERSTER TEIL

DIE IDEE DER PHILOSOPHIE ALS URWISSENSCHAFT



ERSTES KAPITEL


Suche eines methodischen Weges


§ 2. Die Idee der Urwissenschaft


a) Idee als bestimmte Bestimmtheit


Das Wort »Idee« hat im philosophischen Sprachgebrauch, wechselnd nach System und »Standpunkt«, mannigfaltige Bedeutungen, die zum Teil weit auseinanderlaufen, wenn sich auch aus der Entwicklungsgeschichte des Begriffes mit einiger Gewaltsamkeit ein gewisser unscharfer, ständig sich durchhaltender (gemeinsamer) Gehalt aufzeigen läßt.

In der vorphilosophischen Verwendung des Wortes kann es soviel bedeuten wie: dunkle Vorstellung, nebelhafte Ahnung, ein noch nicht zur Klarheit gekommener Gedanke; bezüglich der in der Idee gemeinten Gegenstände herrscht keine Gewißheit, kein begründetes, eindeutiges Wissen von dem inhaltlichen Was.

Eine ausgezeichnete Bedeutung hat das Wort »Idee« in der Kantischen »Kritik der reinen Vernunft« gewonnen, eine Bedeutung, die wir im folgenden in einigen ihrer begrifflichen Elemente wiederaufnehmen.

Der Begriff »Idee« schließt in sich ein gewisses negatives Moment. Die Idee leistet ihrem Wesen nach etwas nicht, sie gibt etwas nicht, nämlich: nicht ihren Gegenstand in vollständiger Adäquatheit, in abgeschlossener Vollbestimmtheit seiner


Martin Heidegger (GA 56/57) Zur Bestimmung der Philosophie page 13

GA 56-57