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Leben als Problemsphäre

b) Mannigfaltigkeit der Lebenstendenzen


Du, er, sie, wir leben immer in einer Richtung (meist so, daß die Richtung uns gar nicht ausdrücklich bewußt ist; ich kann mich ausdrücklich in sie hineinstellen; sie kann mich aber auch überfallen oder sich einschleichen oder schlicht da sein, aber so, daß ab und zu eine Richtung ausdrücklich uns in Anspruch nimmt, uns anspricht) — momentan in der. die Vorlesung zu »hören«; ich selbst: sie zu halten. Ich gehe ins Kolleg z. B. morgens, nachmittags arbeite ich zu Hause. Der eine beschäftigt sich mit dieser, der andere mit jener Wissenschaft. Der arbeitet intensiv, selbständig, jener anfängerhaft, rezeptiv mit ständigen Hemmungen. Ich setze mich zu Tisch; spüre Müdigkeit, brauche etwas, das mich aufkratzt; gehe ins Konzert, höre Bach; ein andermal sehe ich mir Bilder an, lese Gedichte; ich gehöre in eine religiöse Gemeinschaft — das »ich gehöre« (latente und doch wache Tendenz) —, an bestimmten Tagen und Stunden bin ich dann besonders lebendig in ihr lebend; betätige mich in einer akademischen Vereinigung; ich treibe Sport, gehe zum Wählen, bin politisch tätig — »ich halte« mich immer »irgendwo« »auf«. Ich habe einen bestimmten, wenn auch variablen, sich inhaltlich bald weitenden, bald sich verengenden Umkreis von »Sachen«, die mein Leben zu einer bestimmten Zeit so »in Anspruch nehmen«, zu anderen Zeiten anders, die »in« der Richtung meines Lebens liegen (wirklich »drin« sind). Ich wachse in einen Beruf hinein, es kommt eine gewisse Stabilität ins Leben — auch nur ein bestimmter Typus von Tendenz. Mein Verkehr mit anderen Menschen erfährt eine bestimmte Selektion, durch Brauch und andere Tendenzen bestimmt.

Man hat bestimmte Überzeugungen und Ideen über und von dem, was mir im Leben begegnet, eine gewisse Anschauung des Lebens. Es kommt durch besondere Erfahrungen Neues ins Leben. Man wird von Gegensätzen hin- und hergeworfen. Einmal ist dieses Leben in den verschiedenen Richtungen und Wirkungsbereichen oder in allen besonders intensiv, impulsiv. Man


Martin Heidegger (GA 58) Grundprobleme der Phänomenologie

GA 58