ERSTER TEIL


METHODISCHE EINLEITUNG
PHILOSOPHIE, FAKTISCHE LEBENSERFAHRUNG UND RELIGIONSPHÄNOMENOLOGIE


ERSTES KAPITEL


Philosophische Begriffsbildung und
faktische Lebenserfahrung


§ 1. Die Eigentümlichkeit der philosophischen Begriffe


Es ist notwendig, die Bedeutung der Worte der Ankündigung der Vorlesung vorläufig zu bestimmen. Dies ist in der Eigentümlichkeit der philosophischen Begriffe begründet. In den Einzelwissenschaften sind die Begriffe bestimmt durch die Einordnung in einen Sachzusammenhang und dadurch um so genauer festgelegt, je besser jener Zusammenhang bekannt ist. Philosophische Begriffe dagegen sind schwankend, vag, mannigfaltig, fließend, wie sich das auch in dem Wechsel der philosophischen Standpunkte zeigt. Aber jene Unsicherheit der philosophischen Begriffe ist nicht ausschließlich in dem Wechsel der Standpunkte begründet; es gehört vielmehr zum Sinn der philosophischen Begriffe selbst, daß sie immer unsicher bleiben. Die Zugangsmöglichkeit zu den philosophischen Begriffen ist eine ganz andere als die zu den wissenschaftlichen Begriffen. Die Philosophie hat keinen objektiv ausgeformten Sachzusammenhang zur Verfügung, in den die Begriffe eingeordnet werden können, um so ihre Bestimmung zu erhalten. Es besteht ein prinzipieller Unterschied zwischen Wissenschaft und Philosophie. Das ist vorläufig eine These, die sich im Laufe der Betrachtung erweisen


Martin Heidegger (GA 60) Phänomenologie des religiösen Lebens page 3