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§ 31. Der Bezugssinn der urchristlichen Religiosität

heraus. Ist einer als Sklave berufen, so soll er gar nicht in die Tendenz verfallen, daß er bei Steigerung seiner Freiheit für sein Sein etwas gewinnen könnte. Der Sklave soll Sklave bleiben. Es ist gleichgültig, in welcher umweltlichen Bedeutung er steht. Der Sklave als Christ ist frei von aller Gebundenheit, der Freie aber als Christ wird Sklave vor Gott (Das γενέσθαι ist ein δου- λεύειν vor Gott). Diese auf die Umwelt gehenden Sinnrichtungen, auf den Beruf und auf das, was man ist (Selbstwelt), bestimmen in keiner Weise die Faktizität des Christen. Trotzdem sind sie da, sie werden da behalten und erst eigentlich zugeeignet. Die umweltlichen Bedeutsamkeiten werden durch das Gewordensein zu zeitlichen Gütern. Der Sinn der Faktizität nach dieser Richtung bestimmt sich als Zeitlichkeit. Bisher wurde der Bezugssinn zur Um- und Mitwelt rein negativ bestimmt. Sofern diese Bezüge gar nicht die Möglichkeit haben, den archontischen Sinn der urchristlichen Religiosität zu motivieren, entsteht die positive Frage nach dem Verhältnis des Christen zu Umwelt und Mitwelt.

Nun zum Bezugssinn, in dem der Christ zur Umwelt steht. Das sind schwierige Zusammenhänge, da gerade die Beziehungen zur Selbstwelt durch das christliche Gewordensein am schärfsten getroffen werden. Bei Paulus selbst werden diese Zusammenhänge nur kurz, aber scharf berührt (Kor und Phil). Paulus ist sich klar, daß diese Bezugsrichtung eine eigene Charakterisierung verlangt (πνεύμα-Geist, ψυχή-Seele, σάρξ- Fleisch). Gewöhnlich werden diese Begriffe als zuständliche gefaßt. Die umweltlichen und mitweltlichen Zusammenhänge machen die Faktizität mit aus; aber sie sind zeitliche Güter, sofern sie in der Zeitlichkeit gelebt werden.

I Kor 7, 29-32: Wir kennen das γενέσθαι als δουλεύειν und άναμένειν. Hier: καιρός συνεσταλμένος. Es bleibt nur noch wenig Zeit, der Christ lebt ständig im Nur-Noch, das seine Bedrängnis erhöht. Die zusammengedrängte Zeitlichkeit ist konstitutiv für die christliche Religiosität: ein »Nur noch«; es bleibt keine Zeit zum Hinausschieben. Die Christen sollen solche sein, daß diejenigen,


Martin Heidegger (GA 60) Phänomenologie des religiösen Lebens

GA 60