I. TEIL
ARISTOTELES UND ARISTOTELES-REZEPTION


A. Was heißt Philosophiegeschichte?


Die Durchforschung einer vergangenen Philosophie, also hier der aristotelischen, wird als philosophiegeschichtliche Betrachtung bezeichnet.

I. Die Geschichte der Philosophie wurde immer gesehen und erforscht in einem und aus einem bestimmten Bildungsbewußtsein. Heute herrscht die typisierende Geistesgeschichte. [»Typen« — wonach ausgeformt?] Sie versteht sich als strenge Tatsachenforschung, innerhalb einer bestimmten Weise des Tatsachensetzens und -vermeinens. Für diese »exakte« Forschung gilt alles andere als Geschwätz, sogar schon der Versuch, sie selbst in ihrer Bedingtheit und Standsituation zum Verstehen zu bringen. Philosophie wird dabei zusammengesehen mit Wissenschaft, Kunst, Religion und dergleichen. Dadurch wird sie vorgrifflich gehaltlich bestimmt als geschichtlich objektiv, mit objektiven und objektmäßigen Beziehungen und Eigenschaften.

II. Das Historische der Philosophie wird nur im Philosophieren selbst ergriffen. Es ist nur wie Existenz ergreifbar, zugänglich aus dem rein faktischen Leben, also mit und durch Geschichte (1.). Darin liegen aber die Forderungen einer prinzipiellen Klarheit 1. des Vollzugssinnes von Philosophieren, 2. des Vollzugs-und Seinszusammenhangs des Philosophierens zum Historischen und zur Geschichte.

Diese Fragen sind weder abschiebbar, noch kann man meinen — was gegen ihre innere Problematik wäre —, sie gleichsam an sich vorher (ohne Historie und Geschichte) erledigen und mit dem ins Reine Gebrachten wirtschaften zu können. Vielmehr


Martin Heidegger (GA 61) Phänomenologische Interpretationen zu Aristoteles