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Interpretation von »Metaphysik« A 1 und A 2

faktischen Lebens erfüllende Wiesein (Eth. Nic. A 6, B). Σοφία ist eine καὶ ἡ ἀρετὴ τελείωσίς τις: ἕκαστον γὰρ τότε τέλειον καὶ οὐσία πᾶσα τότε τελεία, ὅταν κατὰ τὸ εἶδος τῆς οἰκείας ἀρετῆς μηδὲν ἐλλείπῃ μόριον τοῦ κατὰ φύσιν μεγέθους. (Met. Δ 16, 1021 b 20 sqq.) »Auch dieses Wiesein ist so etwas wie Vollendung. Jeglicher Gegenstand nämlich und jegliches Seinshafte ist dann vollendet, wenn es in Hinsicht auf das Worauf seiner eigensten Zeitigungstendenz in keiner Weise sich etwas vergibt an dem seiner seinshaften Zeitigung entsprechenden Ausmaß [des Wiesein-könnens].«


b) Die fünf verschiedenen Dafürnahmen (ὑπόλήψις) des faktischen Lebens bezüglich des eigentlich Verstehenden
(σοφός;)
(Met. A 2, 982 a 4 — b 7)


Aristoteles nimmt fünf verschiedene Dafürnahmen des faktischen Lebens bezüglich σοφός; auf:


a) Erste faktische Dafürnahme:
Der eigentlich Verstehende weiß ›im Grunde‹ alles.
Das ›auf alles Hinsehen Können‹ als rein in Hinsicht auf das Aussehen der Gegenstände


Der eigentlich Verstehende weiß alles; es ist ihm ›im Grunde‹ nichts verborgen; er vermag jegliches anzusprechen in dem, was es ist und was mit ihm ist; er braucht dabei gar nicht von jeglichem ein gerade diesem entsprechendes Wissen zu haben. Der faktischen Dafürnahme liegt an dem ›auf alles Hinsehen können‹. Die Gegenstände des faktischen Begegnens und die, die begegnen können, sind jetzt rein in Hinsicht auf ihr Aussehen genommen; jeder Beziehung auf ausrichtenden Umgang und dessen Orientierung ist das Aussehen der Gegenstände hier ledig. Die Gegenstände selbst rücken damit in eine und dieselbe Hinsicht; es kommt nur auf Aussehen an, die Bestimmbarkeit ihres


Martin Heidegger (GA 62) Phänomenologische Interpretationen ausgewählter Abhandlungen des Aristoteles zu Ontologie und Logik

GA 62