220
Interpretation von »Physik« A 2 und A 3

f) Die phänomenale Vorgabe der πίστις ἀληθής als erste Stufe der Interpretation des Parmenideischen Lehrgedichtes


a) Die πίστις ἀληθής als Ausdruck einer ursprünglichen Seinserfahrung


Warum also zielt in dem vorliegenden Zusammenhang die Interpretation auf ein Verständnis der πίστις ἀληθής des Parmenides? Weil sie nichts anderes ausdrückt als eine ursprüngliche Seinsbegegnung. (Grunderfahrung, in der so etwas wie Seiendes im Wie von Sein sichtbar wird. Nicht jede Grunderfahrung ist so, daß Seiendes als Sein Begegnis wird.) Eine solche soll ja interpretiert werden, um sehen zu lassen, woraus und als was und wie in der bei ihr mitgehenden Erhellung die Seinscharaktere geschöpft sind, wie sie zur bestimmten Abhebung und in welcher Ausdruckstendenz sie zur begrifflichen Ausformung werden. Mit solcher Analyse einer ursprünglichen Seinsbegegnung wird zugleich zurückgefragt in der Richtung (Spruchsorge als Sein – Verlassenheit) des vollen Sinnes der Grundsituation, in der die griechische und damit alle nachkommende ontologische Problematik ausgebildet ist.


ß) Die schlichte Seinsbegegnung als Bleiben auf dem Pfad der πίστις ἀληθής und abstoßendes Verjagen jeglicher aus der δόξα sich andrängenden Ansprechenstendenz


Das Begegnende ist da im >als< des >Seiend< (des Seins); die Begegnung ist dadurch ausgezeichnet, daß sie im Stoßen auf das Worauf es bei diesem so Begegnenden bewenden läßt, es hat in dem Anspruch, der in der Erhellung dieses Stoßens aufliegt. Das Dabei-bewenden-lassen ist dabei bemerkenswert. Das Begegnende ist erhellt da im >als< des So-angesprochenen und damit relucent auf den Zugang; dessen Bewendenlassen (Aufhörenkönnen – nicht weglaufen!) beim schlichten Stoßen auf ist ein relucent motiviertes und geführtes Festhalten des hinsehenden Vermeinens


Martin Heidegger (GA 62) Phänomenologische Interpretationen ausgewählter Abhandlungen des Aristoteles zu Ontologie und Logik

GA 62