EINLEITUNG


§ Der Titel »Ontologie«


Als Anmerkung zur ersten Anzeige von Faktizität. Nächstgelegene Bezeichnung: Ontologie.

»Ontologie« bedeutet Lehre vom Sein. Wird aus dem Terminus lediglich die unbestimmte Anweisung herausgehört, es komme im folgenden in irgendwelcher thematischen Weise das Sein zur Untersuchung und Sprache, dann hat das Wort als Titel seinen möglichen Dienst getan. Gilt aber Ontologie als Bezeichnung einer Disziplin, etwa einer solchen im Aufgabenbezirk der Neuscholastik oder in dem der phänomenologischen Scholastik und der von ihr bestimmten Richtungen akademischer Schulphilosophie, dann ist das Wort Ontologie als Titel dem folgenden Thema und seiner Behandlungsart unangemessen.

Nimmt man Ontologie obendrein als Losung etwa in dem jetzt beliebt gewordenen Anlaufen gegen Kant, deutlicher gegen den Geist Luthers, grundsätzlicher gegen jedes offene, durch mögliche Konsequenzen nicht im vorhinein verängstigte Fragen, kurz: Ontologie als Lockwort zum Sklavenaufstand gegen die Philosophie als solche, dann ist der Titel vollends irreführend.

Hier sollen die Termini »Ontologie«, »ontologisch« nur in dem besagten leeren Sinne als unverbindliche Anzeige in Gebrauch genommen werden. Sie bedeuten: ein auf Sein als solches gerichtetes Fragen und Bestimmen welches Sein und wie, bleibt ganz unbestimmt.

In Erinnerung an das griechische ὄν bedeutet Ontologie zugleich die auf dem Boden der klassischen griechischen Philosophie fortwuchernde epigonenhafte Behandlung überlieferter


Martin Heidegger (GA 63) Ontologie: Hermeneutik der Faktizität page 1