HERMENEUTIK DER FAKTIZITÄT


VORWORT1


Fragen vorlegen; Fragen sind keine Einfälle; Fragen sind auch nicht die heute üblichen »Probleme«, die »man« aus dem Hörensagen und aus Angelesenem aufgreift und mit der Geste des Tiefsinns ausstattet. Fragen erwachsen aus der Auseinandersetzung mit den »Sachen«. Und Sachen sind nur da, wo Augen sind.

Einige Fragen müssen dergestalt hier »gestellt« werden, um so mehr, als heute das Fragen außer Brauch gekommen ist bei dem großen Betrieb mit »Problemen«. Noch mehr, man ist heimlich dabei, das Fragen überhaupt abzuschaffen, und meint, die Bedürfnislosigkeit des Köhlerglaubens hochzuzüchten. Man erklärt das sacrum als Wesensgesetz und wird dabei von seinem Zeitalter, das in seiner Brüchigkeit und Marklosigkeit Bedürfnisse dafür hat, ernst genommen. Man steht für nichts mehr ein als für die Reibungslosigkeit des »Betriebes«! Mündig geworden für die Organisierung der Verlogenheit. Die Philosophie legt sich ihre Korruption aus als »Auferstehung der Metaphysik«.

Begleiter im Suchen war der junge Luther und Vorbild Aristoteles, den jener haßte. Stöße gab Kierkegaard, und die Augen hat mir Husserl eingesetzt. Das für diejenigen, die etwas nur »verstehen«, wenn sie es in geschichtliche Einflüsse aufgerechnet haben, das Pseudoverständnis der betriebsamen Neugier, d. h. die Abkehr von dem, worauf allein es entscheidend ankommt. Solchen muß man ihre »Verstehenstendenz« möglichst


1 Titel von Heidegger. Das »Vorwort« wurde im Kolleg nicht vorgetragen.


Martin Heidegger (GA 63) Ontologie: Hermeneutik der Faktizität page 5