§ 17. Mißverständnisse


a) Das Schema Subjekt — Objekt


Fernzuhalten ist das Schema: Es gibt Subjekte und Objekte, Bewußtsein und Sein; das Sein ist Objekt der Erkenntnis; das eigentliche Sein ist das Sein der Natur; das Bewußtsein ist »ich denke«, also ichlich, Ichpol, Aktzentrum, Person; Iche (Personen) haben sich gegenüber: Seiendes, Objekte, Naturdinge, Wertdinge, Güter. Die Beziehung zwischen Subjekt und Objekt ist zu bestimmen und ist Frage der Erkenntnistheorie.

Auf diesem Frageboden liegen die Möglichkeiten, die alle immer wieder ausprobiert und in endlosen Diskussionen aufeinander losgelassen werden: Das Objekt ist abhängig v om Subjekt, oder das Subjekt vom Objekt, oder beide korrelativ voneinander. Diese konstruktive, durch die Hartnäckigkeit einer verhärteten Tradition fast unausrottbare Vorhabe verbaut grundsätzlich und für immer den Zugang zu dem, was als faktisches Leben (Dasein) angezeigt ist. Keine Modifikation dieses Schemas vermag seine Unangemessenheit zu beseitigen. Das Schema selbst hat sich traditionsgeschichtlich aus isoliert verlaufenden und dann je verschieden zusammengebrachten Konstruktionen seiner Glieder: Subjekt und Objekt ausgebildet.

Der verhängnisvolle Einbrach dieses Schemas in die phänomenologische Forschung wurde schon bei der Kennzeichnung der geschichtlichen Lage, aus der phänomenologische Forschung erwuchs, betont. Die Herrschaft dieses erkenntnistheoretischen Problems (und der entsprechenden in anderen Disziplinen) ist charakteristisch für eine oft feststellbare Art, in der Wissenschaft, und Philosophie im besonderen, sich am Leben erhält. 90% der Literatur ist damit beschäftigt, solche verkehrten Probleme nicht verschwinden zu lassen und sie immer neu und mehr zu konfundieren. Diese Literatur beherrscht den Betrieb; man sieht und mißt an ihr Fortschritt und Lebendigkeit der Wissenschaft.


Martin Heidegger (GA 63) Ontologie: Hermeneutik der Faktizität page 81