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Zeitlichkeit und Geschichtlichkeit

eigene Insein zunächst auslegt aus dem, was es besorgt, wobei es sich aufhält, wird auch von da her der leitende Sinn von Sein für die Seinsauslegung des Daseins selbst genommen. Der Umgang mit der Welt erschließt sie. Sonach ist diejenige Seinsweise des menschlichen Daseins die höchste, die das eigentliche Seiende in seiner Unverdecktheit (ἀ-λήθεια) begegnen läßt. Das ἀληθεύειν, das das Seiende selbst rein von ihm selbst her anwesend sein läßt, ist das θεωρεῖν, das In=der=Welt=sein des βίος θεωρητικός; die Existenz des Forschers wird demnach als διαγωγή — rein gegenwärtigendes Verweilen bei — bestimmt.

Der Sinn von Sein ist demnach am Seienden als Umwelt des nächsten Besorgens abgelesen.(44) Daß die so begegnende Welt auch »Natur« ist, gibt für den ursprünglichen Sinn dieses Seinsbegriffes nicht den Ausschlag. Der Sinn von Sein wird also aus der Zeit interpretiert. Das Gegenwärtigen, das in der griechischen Ontologie die Zugangsart zum Seienden (Welt) vorzeichnet, spricht sich als Ansprechen des so begegnenden Seienden zeitlich aus. Ontologie der Welt ist selbst immer eine Seinsweise (Umgangsart) des Daseins mit der Welt, in der es ist. Solange sie das bleibt, wird sie hinsichtlich der Möglichkeiten des erschließenden Aufdeckens und Auslegens der Welt aus dem Sein des Daseins, das sich als Zeitlichsein herausstellte, bestimmt bleiben.

Sofern aber die Zeit selbst ist, wird sie am Leitfaden des herrschenden Seinsbegriffes ausgelegt. Sein besagt aber für Aristoteles, der zum ersten Mal die Zeit interpretierte, Anwesenheit (Gegenwart). Im Lichte dieses Seinsbegriffes ist die Zukunft das Noch=nicht=sein, die Vergangenheit das Nicht=mehr=sein. Die jeweilige Interpretation des Zeitphänomens wird so zum Discrimen, an der sich der Seinssinn der jeweiligen Ontologie verrät.

In der obigen ontologischen Explikation des Daseins zeigte sich das Verfallen als ein Grundcharakter des Inseins. Von diesem


(44) anderseits auch »Geist« θεωρεῖν wieder aus dieser Zeit als ständiges Gegenwärtigen! gerade nicht als Natur ontologie interpretierbar um gegen sie eine Geist — Bewußtseins ontologie zu versuchen — bleibt im selbigen Versäumen solange — als positiv Dasein nicht eigentlich gesehen ist.


Martin Heidegger (GA 64) Der Begriff Der Zeit

The Concept of Time p. 86