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I. Vorblick

10. Vom Ereignis


Das Seyn west als das Ereignis.

Die Wesung hat Mitte und Weite in der Kehre. Der Austrag von Streit und Entgegnung.

Die Wesung wird verbürgt und geborgen in der Wahrheit. Die Wahrheit geschieht als die lichtende Verbergung.

Das Grundgefüge dieses Geschehens ist der ihm entspringende Zeit-Raum.

Der Zeit-Raum ist das Ausragende für die Ermessungen der Zerklüftung des Seyns.

Der Zeit-Raum ist als Fügung der Wahrheit ursprünglich die Augenblicks-Stätte des Ereignisses.

Die Augenblicks-Stätte west aus diesem als der Streit von Erde und Welt.

Die Bestreitung des Streites ist das Da-sein.

Das Da-sein geschieht in den Weisen der Bergung der Wahrheit aus der Verbürgung des gelichtet-verborgenen Ereignisses. Die Bergung der Wahrheit läßt das Wahre als das Seiende ins Offene und Verstellte kommen.

Das Seiende steht erst so im Seyn.

Das Seiende ist. Das Seyn west.

Das Seyn (als Ereignis) braucht das Seiende, damit es, das Seyn, wese. Nicht so bedarf das Seiende des Seyns. Das Seiende kann noch »sein« in der Seins Verlassenheit, unter deren Herrschaft die unmittelbare Greifbarkeit und Nutzbarkeit und Dienlichkeit jeglicher Art (alles muß dem Volke dienen, ζ. B.) selbstverständlich ausmachen, was seiend ist und was nicht.

Diese scheinbare Eigenständigkeit des Seienden gegenüber dem Seyn, als sei dieses nur ein Nachtrag des vorstellenden »abstrakten« Denkens, ist aber kein Vorrang, sondern nur das Zeichen des Vorrechts zum erblindenden Verfall.

Dieses »wirkliche« Seiende ist aus der Wahrheit des Seyns begriffen das Un-seiende unter der Herrschaft des Unwesens des Scheins, dessen Ursprung dabei verhüllt bleibt.


Martin Heidegger (GA 65) Beiträge zur Philosophie (Vom Ereignis)

GA 65