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19. Philosophie (Zur Frage: wer sind wir?)

wußtseins-denkens. Ob man die Persönlichkeit versteht als »Geist-Seele-Leib«-Einheit oder ob man dieses Gemengsei umkehrt und nur behauptungsweise den Leib zuerst setzt, ändert nichts an der hier herrschenden Verwirrung des Denkens, das jeder Frage ausweicht. Der »Geist« wird dabei immer als »Vernunft« genommen, als das Vermögen des Ich-sagen-könnens. Hier war sogar Kant schon weiter als dieser biologische Liberalismus. Kant sah: Die Person ist mehr als »Ich«; sie gründet in der Selbst-gesetzgebung. Freilich auch dieses blieb Platonismus.

Und will man etwa das Ich-Sagen biologisch begründen? Wenn nicht, dann ist die Umkehrung doch nur eine Spielerei, was sie auch ohne dies bleibt, weil hier ungefragt die verhüllte Metaphysik von »Leib« und »Sinnlichkeit«, »Seele« und »Geist« vorausgesetzt bleibt.

Selbst-besinnung als Begründung der Selbstheit steht außerhalb der genannten Lehren. Sie weiß allerdings, daß sich daran Wesentliches entscheidet, ob die Frage: wer wir sind? gefragt wird, oder ob sie nicht nur hintangehalten, sondern überhaupt als Frage geleugnet wird.

Diese Frage nicht fragen wollen heißt: entweder vor der fraglichen Wahrheit über den Menschen ausweichen oder aber die Überzeugung verbreiten, es sei in alle Ewigkeit entschieden, wer wir sind.

Geschieht das letztere, dann werden alle Erfahrungen und Leistungen nur als Ausdruck des seiner »selbst« gewissen »Lebens« vollzogen und daher für organisierbar gehalten. Grundsätzlich gibt es keine Erfahrung, die jemals den Menschen über sich selbst hinaus setzte in einen unbetretenen Bereich, aus dem her der bisherige Mensch fraglich werden könnte. Das ist, nämlich jene Selbstsicherheit, das innerste Wesen des »Liberalismus«, der gerade deshalb dem Anschein nach sich frei entfalten und dem Fortschritt in alle Ewigkeit sich verschreiben kann. Daher sind »Weltanschauung«, »Persönlichkeit«, »Genie« und »Kultur« die Ausstattungsstücke und die »Werte«, die es so oder so zu verwirklichen gilt.


Martin Heidegger (GA 65) Beiträge zur Philosophie (Vom Ereignis)

GA 65